Engelbert Bach (1929-1999)

Wohnhaus in der Würzburger Straße 26

Der bekannte Heimat- und Mundartdichter Engelbert Bach ist am 7. April 1929 in Kitzingen geboren worden. Sein Vater war der Handwerker und langjährige Stadtrat Franz Bach (1899-1977). Er erlernte das Handwerk eines Polsterers, machte seine Meisterprüfung und übernahm 1955 das Raumausstattungsgeschäft seines Vaters, bevor er zwischen 1957 und 1958 als Gasthörer drei Semester Literaturgeschichte und Philosophie an der Universität Würzburg belegte. Kurz nach Abschluss seiner Lehre als Polsterer trat Engelbert Bach erstmals literarisch in Erscheinung, und zwar als Mitgestalter und Texter der so genannten „Häckerchronik“ anlässlich der 1200-Jahrfeier der Stadt 1951 (in dieser Chronik wird die Geschichte der Stadt Kitzingen in verschiedenen Szenen von Laienschauspielern in Mundart dargestellt). Dass der junge Bach vielseitig begabt war, zeigte sich schnell, denn der damals 22-Jährige hat nicht nur einen beträchtlichen Teil der Chronik geschrieben, sondern bei der Uraufführung auch den Häcker, also den Erzähler gespielt, der die Überleitungen zwischen den einzelnen Episoden spricht.

Der intelligente, weltoffene Polsterermeister engagierte sich von Beginn an in der neu gegründeten Volkshochschule im literarisch-heimatlichen Bereich und wurde durch Dichterlesungen im gesamten fränkischen Raum bekannt. Seit 1960 veröffentlichte Bach alljährlich zur „Ebshäuser Kerm“ im „Kirchweihgeneraler“ und unter dem Pseudonym „Moustgoicker“ zahlreiche Gedichte und Erzählungen in der „Kitzinger Zeitung“. Darüber hinaus betätigte er sich seit 1964 als Mitarbeiter des Bayerischen Rundfunks im Studio Franken und hatte dort seine eigene Mundartsendung. Seine dortige Karriere begann als Mundartsprecher in einem Feature über den Wiederaufbau Würzburgs. In späterer Zeit betätigte er sich als Autor von Hörbildern und verschiedenen Mundartbeiträgen. Bach führte zudem Regie bei der Laienspielgruppe der Kolpingfamilie und trat als Büttenredner der Kitzinger Karnevalsgesellschaft in Erscheinung.

Telegramm an Harrn Pätrus - Kitzinger Zeitung vom 17. Juli 1954
 Stadtarchiv Kitzingen

Der Polsterermeister aus Kitzingen galt als Philosoph unter den fränkischen Mundartdichtern. Seine Fantasie und sein Gedankenreichtum waren unerschöpflich, sein Humor hintergründig und fein. Bach war ein genauer Beobachter der Menschen im täglichen Leben, hinterfragte ihre Gedanken und registrierte die fränkische Natur und wie die Menschen in ihr leben und mit ihr umgehen. Er wollte jedoch nie um jeden Preis witzig sein. Der Künstler umrahmte im Landkreis Kitzingen viele Weihnachtsfeiern, Weinproben und kulturelle Veranstaltungen. Zu seinen zahlreichen Veröffentlichungen gehören „Plaudereien aus Franken“ (1959 erschienen), erlauscht von Engelbert Bach, „Fränkische Weihnachten“ (1963) und „Es bleibt kee Bee unterm Tisch“ (1970). Insgesamt brachte er 15 Gedichtbände heraus, die meisten im Marktbreiter Verlag Siegfried Greß.

 

Am 7. April 1979 erhielt Engelbert Bach zu seinem 50. Geburtstag den Kulturpreis der Stadt Kitzingen. 1985 wurde er mit dem Frankenwürfel, 1992 mit dem Kulturpreis des Steigerwaldclubs und im gleichen Jahr mit dem Kulturpreis des Bezirks Unterfranken ausgezeichnet, der ihm am 12. Januar 1993 verliehen worden ist. Trotz all dieser Auszeichnungen ist der Künstler stets bodenständig und bescheiden geblieben und hat sich nie in den Vordergrund gestellt. Bach, der aus der lokalen Kulturszene der Kitzinger Nachkriegszeit nicht wegzudenken ist, verstarb nach kurzer, schwerer Krankheit am 4. November 1999 in Kitzingen. Im Kitzinger Neubaugebiet „Buddental“ ist dem unvergessenen und weit über die Grenzen Frankens hinaus bekannten Kitzinger Mundartdichter Engelbert Bach eine Straße gewidmet.

Gedichtbände:

1959    Plaudereien aus Franken. Kitzingen
1963    Fränkische Weihnacht. Gerabronn
1970    Es bleibt kee Bee unterm Tisch. Marktbreit
1971    Schiessbuednbluma und andere Kirchweihgeschichten. Marktbreit
1976    Lieber gsund und reich. Marktbreit
1978    Zwölf Kilometer auf Bethlehem. Marktbreit
1980    Gemischt- und Kurzwaren. Marktbreit
1982    Schtarn, Schtroh und Schtall.
           Weihnachtliches in unterfränkischer Mundart. Marktbreit
1983    Dia erschtn fufzich Johr. Marktbreit
1984    Vitus-Geschichtn. Marktbreit1986    Krippelesfiguren. Weihnachtliche
           Geschichten und Gedichte in unterfränkischer Mundart. Marktbreit
1989    Johratag, Gedichte in unterfränkischer Mundart. Marktbreit
1992    Kee Wort zuviel. Marktbreit
1995    Das Fest. Von den Vorbereitungen,
           der Durchführung und einem zufriedenen Ende. Volkach
1999    Auf wos wart mer denn? Volkach

 

 

Doris Badel

Anselm Caliz (1882-1964)

Wohnhaus im Texasweg 3

Der am 9. Oktober 1882 in Segnacco (Provinz Udine) geborene Anselm Caliz kam bereits als 9-Jähriger nach Deutschland und fand in einer Ziegelei in der Nähe von Penzberg im Werdenfelser Land Arbeit. Nach der Hochzeit mit Anna Klarwein aus Farchant ließ er sich 1913 in der Gemeinde nieder und bezog noch im Dezember das selbst erbaute Haus. Das Glück war jedoch nicht von langer Dauer, denn nach dem Eintritt Italiens in den Krieg wurde die Familie 1915 nach Peißenberg „zivilinterniert“ und musste das eigene Haus aufgeben.

Durch den Auftrag seiner Baufirma gelangte Caliz 1917 ins mainfränkische Eibelstadt, von dort führten ihn die Arbeiten zum Bau von Wasserleitungen Ende des Ersten Weltkriegs nach Kitzingen, wo er auf dem Flugplatz für italienische und französische Kriegsgefangene zudem auch noch dolmetschte. Den Kontakt zu seiner noch in Eibelstadt wohnenden Familie konnte Caliz nur mit einer Sondererlaubnis und nach längerem Fußmarsch pflegen. Nach Kriegsende sollte die Familie nach Italien abgeschoben werden. Erst die Hilfe des Sulzfelder Landtagsabgeordneten Hans Hartmann befreite ihn von allen bürokratischen Fußangeln und die Familie Caliz durfte für immer in Deutschland bleiben. Das damals knapp über 10.000 Einwohner zählende Kitzingen wurde ihre neue Heimat.

Die Wohnungssuche gestaltete sich seinerzeit für einen Ausländer, der aus einem Land stammte, das mit Deutschland Krieg geführt hatte, äußerst schwierig. Drei Wohnungen in der Altstadt bedeuteten für den Neubürger nur eine vorübergehende und unbefriedigende Lösung. Die Familie fühlte sich isoliert und nicht angenommen. Der Wunsch nach Eigenständigkeit war groß und Caliz sparte eisern, bis er das Geld zusammen hatte, um am 28. Mai 1921 das Grundstück auf Flur-Nummer 5792 neben der Kreisgeflügelanstalt mit einer Fläche von 1890 Quadratmetern von der Stadt Kitzingen zu erwerben. Da es so entlegen war und die Gegend am Galgenwasen mit ihren Bäumen und Sandäckern eher einer Wildnis glich, kostete es nur 1500 DM.

Caliz rodete den Platz eigenhändig und fällte 57 Bäume, um aus dem unwegsamen Gelände einen Baugrund zu machen. Aus Steinbrüchen in Hohenfeld und Albertshofen holte er sich die Steine, die er für seinen Hausbau benötigte. Bauführer Fischer von der Firma Benz und Schardt fertigte den Plan an. Als gelernter Maurer verstand es Caliz, mit allen technischen Problemen fertig zu werden. Das Essen kochte er im Freien an der Baustelle.

 

Unermüdlich arbeitete er an Sonntagen und nach Feierabend, und noch im selben Jahr konnte die Familie nach Fertigstellung des ersten Raumes das neue Heim beziehen. Das notwendige Trinkwasser musste jedoch zunächst noch täglich aus der „Gollers-Mühle“ (später Sägewerk Goller) an der Sickershäuser Straße herbeigeschafft werden. 

Insgesamt dauerte der Hausbau jedoch zwei Jahre. Direkt am Haus schachtete Caliz einen Brunnen aus, holzte ein Waldgrundstück ab und legte einen Gemüsegarten an. Mit dieser Pionierleistung wurde Anselm Caliz zu Kitzingens erstem Siedler. Seinem Auszug aus der Altstadt in die Ödnis aus Sandäckern, Fichten und einem kleinen Weiher kam eine Signalwirkung zu. Sie leitete den Aufbruch der Kitzinger zur neuen Siedlung am Stadtrand ein.

Im Jahr 1929 fand Anselm Caliz endlich direkt in Kitzingen eine Arbeit, im Baugeschäft von Benz & Schardt war er als Maurer bis 1937 beschäftigt. Danach ging er als Betriebsmaurer zur Lebkuchenfabrik Gebrüder Schmidt nach Mainbernheim. Die letzten Kriegsjahre ab 1943 und noch viele weitere Jahre darüber hinaus arbeitete er in der Kitzinger Umgebung, um seine geringe Rente aufzubessern. 

1956 starb Anselm Caliz Ehefrau Anna. Nach deren Tod wohnte er zusammen mit der Familie seines ältesten Sohnes Michael in dem 1921 erbauten Eigenheim am Texasweg 3. Seinen letzten großen öffentlichen Auftritt hatte er bei der Siedler-Kirchweih im August 1963. Gemeinsam mit Oberbürgermeister Dr. Oskar Klemmert fuhr er im offenen Wagen beim Umzug mit. Nach einem Magenleiden starb Anselm Caliz am 3. April 1964 in Kitzingen.

Der Kitzinger Künstler Klaus Rother hat dem Siedlungsgründer Anselm Caliz, der sich durch sein freundliches Wesen und seine Hilfsbereitschaft überall beliebt gemacht hatte, vor der Haupt- und Grundschule Siedlung mit einer 1965 geschaffenen Brunnenfigur (Bronze auf Muschelkalksäule) ein schönes Denkmal gesetzt. Es stellt einen fleißigen Siedler mit Gartenschürze und Gießkanne dar. Der Name Caliz wird mit der Siedlung für immer untrennbar verbunden bleiben.

Literatur: Kitzinger Zeitung vom 4. April 1964, 6. Oktober 1962 und 8. Juni 1974.

Die Brunnenfigur aus Bronze auf Muschelkalksäule stellt einen fleißigen Siedler mit Gartenschürtze und Gießkanne dar.
 

Bartholomäus Dietwar (1592-1670)

Geburtshaus Obere Kirchgasse 12

Bartholomäus Dietwar wurde am 7. September 1592 als Sohn des Kitzinger Glasmalers Elias Dietwar und dessen Frau Margareta, Tochter des Kitzinger Organisten Paul Brückner, in der Kirchgasse gegenüber dem katholischen Pfarrhaus geboren. Sein Vater Elias stammte aus Markelsheim und genoss als Glasmaler einen ausgezeichneten Ruf und fertigte im Auftrag des Würzburger Fürstbischofs Julius Echter zahlreiche Glasmalereien für Kirchen und Klöster im Hochstift an. Wie viele andere Protestanten auch, zog Elias Dietwar 1588 aus Religionsgründen von Würzburg in das protestantische Kitzingen.

 

Der begabte Bartholomäus besuchte mit Erfolg die dreistufige städtische Lateinschule, eine Einrichtung der höheren Bildung, die auf ein Studium vorbereitete. 1611 schrieb er sich als Student der Theologie in Wittenberg ein, das Studium wurde ihm durch ein großzügiges städtisches Stipendium ermöglicht. Nach Abschluss seiner Studienzeit trat er 1617 die Pfarrstelle in Hoheim an, 1618 erfolgte die Hochzeit mit Maria Lehning, Witwe von Andreas Lehning, dem ehemaligen Pfarrer in Castell. Die Ehe sollte kinderlos bleiben.

Dietwar versah die Pfarrei Hoheim bis zum Übergang Kitzingens an das Hochstift Würzburg, der 1629 vollzogen wurde und die Auswanderung zahlreicher protestantischer Einwohner zur Folge hatte, sowie von Februar bis November des Jahres 1632, während der schwedischen Zwischenregierung. Von 1630 bis 1631 hatte er die Pfarrstelle in Stierhöfstetten inne.

Am 12. November 1632 berief ihn der damalige Kitzinger Bürgermeister Johann Steinmetz im Namen des Rats zum Kaplan in Kitzingen, am 26. Mai 1633 erfolgte die festliche Amtseinsetzung als Diakon. Knapp zwei Jahre später wendete sich wieder das politische Blatt und der seit 1634 verwitwete Dietwar musste auf Befehl des neuen Landesherrn, des Bischofs von Würzburg, wie alle anderen evangelischen Pfarrer die Stadt verlassen. Er zog ins Exil nach Mainbernheim und heiratete dort am 26. Mai 1635 Regina Zapff, die Tochter des Pfarrers zu Repperndorf und Buchbrunn.

Drei Jahre dauerte das Exil in Mainbernheim, dann wurde die Pfarrstelle in Gnodstadt frei und die Markgrafen von Brandenburg-Ansbach beriefen Dietwar als neuen Pfarrer. Dieser trat seinen Dienst am 27. Februar an. In Gnodstadt wurde am 7. November 1638 sein erstes Kind geboren: ein Sohn mit Namen Johannes, der jedoch einige Monate später bereits verstarb. Das zwei Jahr später geborene Mädchen Barbara lebte ebenfalls nur wenige Wochen. Am 6. April 1642 kam das dritte Kind, Barbara, zur Welt und am 28. Dezember 1643 folgte die Geburt des Sohnes Johannes Vitus, der nur kurze Zeit lebte.

In seiner Chronik beschreibt Dietwar die sechs Jahre in Gnodstadt als eine Zeit mit „viel Armut, Elend, Mühen und Gefahren“, so dass die Familie überglücklich war, dass Dietwar als Pfarrer nach Segnitz abberufen wurde, wo er am 15. November 1644 seine erste Predigt hielt. Vier weitere Kinder, darunter Zwillinge, kamen in Segnitz zur Welt und alle drei verstarben innerhalb kürzester Zeit. Am 8. Juli 1658 verstarb nach langer Krankheit seine geliebte Frau Regina im Alter von 45 Jahren. Zu diesem Zeitpunkt lebte von den acht Kindern nur die Tochter Barbara, sie führte ihrem Vater bis zu ihrer Vermählung 1663 den Haushalt.

Bartholomäus Dietwar versah sein Amt in Segnitz bis zum August 1670 ohne Gehilfen. Dann erkrankte er plötzlich an der roten Ruhr und verstarb am 20. August 1670 im Alter von 78 Jahren und wurde „mit höchster Bekümmernis seiner anvertrauten Schäflein bei gar volkreicher Frequenz der hiesigen und benachbarten Orte“ beerdigt. Er war 53 Jahre evangelischer Pfarrer gewesen.

Für seine Heimatstadt Kitzingen hat sich Bartholomäus Dietwar nicht nur als Seelsorger, sondern auch als Historiker große Verdienste erworben. So vollendete er 1665 das Werk „Historischer Bericht von dem Closter und Stadt Kitzingen in Francken“. Darin geht Dietwar auf die Geschichte (Gründung, Entwicklung, Wappen, Herrschaften, bedeutende Ereignisse und Gebäude) von Stadt und Kloster ein. In diesem Zusammenhang beschreibt er auch die Alte Mainbrücke mit ihren vielen Aufbauten wie Zollhaus, Brückenturm oder auch Naschkorb. Ein weiteres, höchst interessantes Kapitel trägt als Überschrift „Register über das heilig, löblich und würdig Heiligthum des Closters Kitzingen“. Darin verzeichnet Dietwar detailliert, an welchen Stellen sich die Reliquien des Klosters im Einzelnen befunden haben.

 

Seine 1648 geschriebene Chronik über das „Leben eines evangelischen Pfarrers im früheren markgräflichen Amte Kitzingen“ ist eine wertvolle zeitgenössische Beschreibung der Ereignisse des Dreißigjährigen Krieges in Kitzingen. Sie ist reich geschmückt mit zahlreichen farbigen Zeichnungen, auf denen u.a. auch Dietwar selbst und seine Familie abgebildet sind. Dietwar beginnt seine Lebenserinnerungen mit dem Jahr seiner Geburt 1592 und endet 1669, einem Jahr vor seinem Tod. Er berichtet chronologisch über wichtige städtische und kirchliche, aber auch familiäre Ereignisse, z. B. über die Zusammensetzung des Stadtregiments, die Wahl eines neuen Dekans, Bauprojekte, das Wetter, Missernten, Preise, Teuerungen, Hungersnöte, Krankheiten (Pest), Todesfälle. Im Mittelpunkt steht jedoch eine sehr ausführliche Beschreibung der wichtigsten Ereignisse im Dreißigjährigen Krieg in Kitzingen und Umgebung, wie Musterungen, Einquartierungen, Plünderungen, Gefechte, Truppendurchzüge. Auch der Streit zwischen den Markgrafen von Brandenburg-Ansbach und dem Würzburger Fürstbischof um die Wiedereinlösung der verpfändeten Stadt Kitzingen, dessen Vorgeschichte sowie die Folgen der Rekatholisierung werden in längeren Abschnitten behandelt.

 

Literatur: Bartolomäus Dietwar. Leben eines evangelischen Pfarrers im früheren markgräflichen Amte Kitzingen von 1592 bis 1679. Mit erläuternden Zusätzen herausgegeben von Volkmar Wirth, II. Pfarrer in Mainbernheim. Kitzingen 1887.

 

Doris Badel

Max Fromm (1873-1956)

Geschäftshaus in der Wörthstraße 12

Max Fromm stammt aus Großlangheim. Dort ist er am 1. Juni 1873 als Sohn des jüdischen Weinhändlers Nathan Fromm und dessen Frau Marie Klein aus Memmelsdorf geboren worden. Anfang des Jahres 1896 verlegte er seinen Wohnsitz nach Kitzingen in das neu erbaute prächtige Haus in der Bismarckstraße 5. Die Weingroßhandlung der Fromms jedoch befand sich bereits seit 1892 in der Wörthstraße 12, damit lagen Wohn- und Geschäftshaus in unmittelbarer Nachbarschaft.

 

Max Fromm, seit 1911 Königlich-Bayerischer Hoflieferant, war in seiner Branche als Weinfachmann und Unternehmer führend. Die Grundlage für den enormen Aufstieg der Firma bildete die weintechnische Kompetenz ihres Inhabers, verbunden mit einer außergewöhnlich guten kaufmännischen Begabung. Dazu gesellte sich eine ausgesprochen „begnadete Weinzunge“. Fromm galt als „Geschmackskünstler“ und als Meister im Verschneiden von Weinen, der dem Geschmack der Kunden Rechnung trug. Er arbeitete fortwährend an der Verbesserung der Kellertechnik und der Lagerfähigkeit des Weins. Trotz der schwierigen Zeiten während und nach dem Ersten Weltkrieg gelang es ihm, durch Innovationen in der Kellertechnik und Verbesserungen der betriebswirtschaftlichen Rahmenbedingungen, die Firma ständig zu vergrößern und den Umsatz zu steigern. So war die Weingroßhandlung Nathan Fromm zu dieser Zeit mit 89 Mitarbeitern der größte Betrieb in Kitzingen und zählte zu den größten jüdischen Weinhandlungen Deutschlands. Fromms Umsatz in den 1920er Jahren wird auf mehr als die Hälfte des gesamten Kitzinger Weinverkaufs geschätzt.

Max Fromm galt als großzügiger und äußerst sozialer Unternehmer. Die Löhne und Gehälter für seine Mitarbeiter waren gerecht und gut, die Arbeitszeiten entsprachen gesetzlichen Bestimmungen, Geschäftspartnern und Mitarbeitern gegenüber verhielt er sich stets korrekt. Zu seinen Angestellten pflegte er einen sehr freundlichen Kontakt. In kriegsbedingten Notzeiten spendete er Holz und Kohlen, setzte sich stark für die Familien seiner Belegschaft ein und unterstützte sie über Jahre hinweg in Form von Geld- und Sachspenden.

Im Mai des Jahres 1921 trat Max Fromm als Mitbegründer und Hauptinitiator des „Bocksbeutelweinvertreibs fränkischer Weingutsbesitzer“ hervor. Dieser verstand sich als überregionaler Zusammenschluss fränkischer Winzer, der innerhalb eines Jahres bereits 35 Mitglieder zählte. Fromm sorgte in diesem Zusammenhang auch für die Wiederbelebung der Tradition des Bocksbeutels als Markenzeichen für Frankenweine. Guter Frankenwein in der charakteristischen, auffälligen Flaschenform wurde künftig deutschlandweit abgesetzt. Für seine Verdienste um die Wirtschaft Kitzingens erhielt Max Fromm 1924 den ehrenvollen Titel „Kommerzienrat“.

Auch als Politiker nahm Fromm Einfluss auf das Stadtgeschehen. Er gehörte der liberalen Deutschen Demokratischen Partei an und wurde 1919 zum ersten jüdischen Magistratsrat Kitzingens gewählt. Dieses Amt hatte er bis zu seinem 1929 erfolgten Wegzug nach Bingen inne. Max Fromm war jedoch nicht nur Geschäftsmann und Politiker, er hatte einen äußerst feinen Kunstsachverstand und trat häufig als großzügiger Mäzen für die Stadt Kitzingen in Erscheinung und trug so für die Verschönerung des Stadtbildes bei. So spendete er 1911 einen neuen Zierbrunnen an der Ecke Bahnhof-/Bismarckstraße, den „Hadlatempel“ in Nähe des Falterturms sowie eine große dekorative Blumenvase vor dem Ranck'schen Haus in der Bahnhofstraße 1.

 

Die Firma Max Fromm wuchs beständig, so dass die Kellerkapazitäten in und um Kitzingen nicht mehr ausreichten. Seine Großkunden waren unter anderem die Mitropa und der Deutsche Lloyd. Zum Leidwesen vieler Kitzinger verlegte er aus diesen Gründen seinen Firmensitz 1929 in das Zentrum des deutschen Weinhandels, nach Bingen am Rhein.

Die Nazidiktatur zwang Max Fromm 1939 zur Auswanderung nach London und schließlich 1941 in die USA zu seinem Sohn Alfred, der 1936 mit Franz Sichel eine der ganz frühen kalifornischen Weinhandelsfirmen gegründet hat. Max Fromm stellte der Firma Fromm & Sichel sein ganzes Können und Wissen zur Verfügung. Nachdem Max Fromm nach Kriegsende noch einmal seine unterfränkische Heimat besucht hatte, starb er 1956 in San Francisco. Zur Erinnerung an ihn hat der Kitzinger Stadtrat in seiner Sitzung vom 8. Dezember 2005 einstimmig beschlossen, eine neue Straße im Baugebiet Hammerstielweg nach Max Fromm zu benennen.

Literatur: Elmar Schwinger: Von Kitzingen nach Izbica. Aufstieg und Katastrophe der mainfränkischen Israelitischen Kultusgemeinde Kitzingen. In: Schriften des Stadtarchivs Kitzingen (Hrsg. Doris Badel), Band 9, Kitzingen 2009.

Hartwig Behr: Fromm macht „Stürmer“-Schlagzeilen. In: Tauberzeitung vom 5.9.2009

 

 

Doris Badel

Johann Rudolph Glauber (1604-1670)

Wohnhaus in der Fischergasse 35

Johann Rudolph Glauber wurde am 10. März 1604 in Karlstadt am Main als Sohn eines Barbiers geboren. Er stammte aus einer kinderreichen Familie und verwaiste früh. In seiner Geburtsstadt besuchte er wahrscheinlich die Lateinschule und absolvierte eine Lehre als Apotheker. Im Alter von 21 Jahren erkrankte er an Typhus und wurde durch Quellwasser wieder gesund. Aufgrund dieser einschneidenden Lebenserfahrung beschloss er, die medizinische Heilkunst zum Wohle anderer Menschen zu erlernen. Er lebte und arbeitete unter anderem in Wien (1625), Salzburg, Gießen, Wertheim (1649–1651), Basel, Paris, Frankfurt am Main, Köln und Amsterdam.

Bereits seit 1660 litt Glauber an einer heimtückischen Krankheit, bei der es sich wohl um eine Vergiftung infolge seiner Experimente handelte. Letztendlich musste der durch seine Krankheit zeitweilig gelähmte und erblindete Chemiker 1668 die Einrichtung seines Laboratoriums und Teile seiner Bibliothek verkaufen, um seiner Familie das Überleben zu sichern. Seit 1666 war Glauber bettlägerig, er starb am 16. März 1670 in Amsterdam. In der Westerkerk von Amsterdam, seiner letzten Ruhestätte, erinnert eine Gedenktafel an sein Leben und Wirken.

 

Zwei Jahre - von 1652 bis 1654 - hatte Johann Rudolph Glauber sein Labor im ehemaligen Nonnenschlösschen der Benediktinerinnen und sein Wohnhaus in der Fischergasse 35 in Kitzingen. Er verfasste hier eine seiner wichtigsten Abhandlungen über die Herstellung von Weinstein, denn eine Sondergenehmigung des Würzburger Fürstbischofs Johann Philipp von Schönborn, eine Art Vorkaufsrecht, hatte ihm die manufakturmäßige Produktion von Weinstein aus den Fassschlämmen der Kitzinger Winzer ermöglicht.

Auch soll er gemäß der Kitzinger Erzähltradition in der 1623 in Kitzingen gegründeten Löwen-Apotheke am Marktplatz Heilmittel verkauft haben. Inwieweit er in diesem Fall eine Konzession benötigte, um als Apotheker tätig zu sein, ist nicht geklärt.

Seine Verteidigungsschriften gegen seinen früheren Freund aus der Kitzinger Zeit, den speyerischen Domschaffner Christoph Farner, mit dem er sich zerstritten hatte, sind die wesentliche Quelle, aus der sich seine Biographie rekonstruieren lässt! Anfeindungen durch die Kitzinger Küfer, die sich die Rohstoffquelle für den von ihnen gebrannten Hefeschnaps nicht nehmen lassen wollten, waren es wohl, die ihn dazu zwangen, seinen Wohnsitz in Kitzingen nach kurzer Zeit schon wieder aufzugeben. Er verließ 1654 Kitzingen und zog wieder nach Amsterdam. Dort hatte er ein großes Labor mit sechs Mitarbeitern und einen Garten in dem er die Mineraldünger untersuchte.

Heute noch erinnern Straßennamen und ein Schild an der Löwen-Apotheke an Glaubers Kitzinger Zeit. Diese engen Beziehungen Glaubers zu Kitzingen waren der Anlass für das Städtische Museum Kitzingen, sich dem Vorhaben der Konzipienten Prof. Dr. Helmut Gebelein, Justus-Liebig-Universität Gießen, und Dr. Rainer Werthmann, Kassel, Johann Rudolph Glauber eine Sonderausstellung zu widmen, gerne anzuschließen.

Begleitend zur Sonderausstellung arbeitete man an der Rekonstruktion eines Gewürzweins, nach den Rezepten Johann Rudolph Glaubers. Die Versuche, diesen Gewürzwein zu rekonstruieren, liefen ca. zwei Jahre. Mehrere Gärversuche, für welche die Kitzinger Firma Arauner gewonnen werden konnte, waren notwendig. In den regelmäßigen in der alten Apotheke des Städtischen Museums durchgeführten Weinproben wurden neue Ergebnisse zur Optimierung des Tröpfchens mit den beiden Wissenschaftlern Werthmann und Gebelein ausgetauscht, welche parallel an der Justus Liebig Universität in Gießen ebenfalls Gärversuche durchführten. Dabei ging es um die Dosierung und Vergärung der einzelnen Kräuter, allen voran Iriswurzel und Kardamon, sowie um die richtige Basis – welcher Wein, welcher Zuckergehalt?

 

Dieser Wein wurde dann im Februar 2008 das letzte Mal getestet und allgemein für gut befunden. Die „Labormäuse“ waren hierbei nicht nur die Museumsleiterin und Herr Apotheker Peter Ley, Löwen-Apotheke Kitzingen, sondern auch ausgewählte Pädagogen des Armin-Knab-Gymnasiums Kitzingen, die am Ende entschieden, welche der vielen Proben – ob herb oder bitter, trüb oder klar – letztlich in die Fläschchen kam.

Anzumerken ist: die Gärversuche und wiederholten Weinproben wurden mit bewundernswerter Geduld vom Geschäftsführer der Firma Arauner, Wolf Frh. v. Tautphoeus, persönlich begleitet – Ihm gilt der besondere Dank des Museums, denn immer wieder ließ er sich bereitwillig auf neue Experimente ein!

Der Glaubertrunk, mit Zertifikat, hergestellt und abgefüllt von der Kitzinger Firma Arauner, mit dem prämierten Logo-Entwurf von Theresa Lang, Siegerin des Etikettenwettbewerbs des Armin Knab Gymnasiums im Rahmen des „Glauber-Projekttags“ ist heute im Museumsshop erhältlich.



Stephanie Falkenstein 

Michael Korbacher (1861-1943)

Wohnhaus in der Güterhallstraße 3

Michael Korbacher, geboren am 5. April 1861 in Waigolshausen (Lk. Schweinfurt), war der Sohn des dort ansässigen Maurers und Baumeisters Michael Korbacher und dessen Frau Barbara. Seit 1882 war er in Kitzingen ansässig, erlangte 1888 das Bürgerrecht der Stadt und heiratete ein Jahr später Eva Maria Eberth (1866-1939). 

 Plansammlung Stadtarchiv Kitzingen

Sein älterer Bruder Lorenz (1856-1891) zog bereits 1870 in die Mainstadt und betrieb dort ein Maurergeschäft. 1879 erlangte er das Bürgerrecht der Stadt und ehelichte Katharina Lutz, Tochter des Schiffers Johann Lutz, der jedoch seit 1865 eine Feldziegelei (Kalk- und Backsteinbrennerei) in seinem Anwesen in der Güterhallstraße 845 (seit 1900: Hausnummer 3) betrieb. Durch diese Heirat wurde Lorenz Korbacher Mitbesitzer der Ziegelei und übernahm sie schließlich nach dem Tod seines Schwiegervaters ganz.

Im Zuge der Erweiterung des Baugeschäfts und Vergrößerung der Ziegelei erbauten die Korbachers 1889 ein zweites Wohnhaus in der Güterhallstraße Nr. 16. Der jüngere Michael wohnte bis zu diesem Zeitpunkt gemeinsam mit seinem Bruder Lorenz und dessen Familie in der Güterhallstraße 3. Nach seiner Heirat mit Eva Maria Eberth im selben Jahr zog er dann in dieses neue Gebäude um.

 Plansammlung Stadtarchiv Kitzingen

Nach und nach vergrößerten die geschäftstüchtigen und fleißigen Brüder ihren Grundbesitz, der sich von der Güterhallstraße bis zur Kaltensondheimer Straße/Ecke Friedenstraße erstreckte, und errichteten neue Nebengebäude, Werkstätten, Scheunen, Holz- und Bretterlager, Bürogebäude sowie weitere Anbauten. Unter der Adresse Kaltensondheimer Straße 5 betrieben sie seit 1885 sehr erfolgreich das Baugeschäft „Gebrüder Korbacher“ und bekamen viele Aufträge. Nach dem Tod von Lorenz Korbacher am 25. September 1891 führte Bruder Michael beide Geschäfte weiter, bis sein Neffe Wilhelm die Ziegelei seines verstorbenen Vaters übernehmen konnte.

 Plansammlung Stadtarchiv Kitzingen

Anfang des Jahres 1912 übergab Michael Korbacher sein gleichnamiges Baugeschäft aus Alters- und Gesundheitsgründen an seine Bauführer und langjährige Mitarbeiter Franz Benz und Johann Schardt. Diese erhielten im Mai 1912 als ersten großen städtischen Auftrag den Bau des neuen Wasserwerks in der Mainstockheimer Straße 23. Johann Schardt, geboren am 20. Mai 1877 in Marktbreit, wohnte seit 1896 in Kitzingen. Nach dem Tod des Teilhabers Franz Benz im Jahre 1936 trat sein Sohn Georg Schardt in das Baugeschäft ein, das von nun an die Bezeichnung „Johann Schardt & Sohn“ führte. Der zweite Weltkrieg brachte dem Baugeschäft und der Ziegelei einen harten Schicksalsschlag. Beim verheerenden amerikanischen Luftangriff auf Kitzingen vom 23. Februar 1945 erhielt die Firma, die sich in unmittelbarer Nähe zum Bahnhof befand, einem der Hauptziele des Angriffs, Totalschaden. Vater und Sohn bauten sie jedoch wieder erfolgreich auf und führten sie einer neuen Blütezeit entgegen.

Zurück zu Michael Korbacher! Dieser gehörte seit 1906 dem Gemeindekollegium an und war von 1908 bis 1919 sogar Vorstand desselben. Neben dem Magistrat fungierte ein Rat der Gemeindebevollmächtigten als weiteres Verwaltungsorgan und Vertreter der Gemeinde. Der Magistrat benötigte die Zustimmung der Gemeindebevollmächtigten u.a. bei Verpachtungen aus Gemeinde- oder Stiftungsmitteln, bei Besoldungsfragen, bei der Gründung neuer Gemeindeanstalten, bei Gemeinde- und Stiftungsneubauten, bei Kauf und Verkauf von Grundbesitz, bei Kapitalanlagen, bei verschiedenen Steuer- und Gebührenregelungen sowie bei allen Darlehens- und Schuldenfragen.

 

Im Jahr 1917 wurde Korbacher mit dem „Verdienstorden vom Hl. Michael IV. Klasse“ ausgezeichnet. Bürgermeister Ludwig Graffs Begründung dafür lautete:

„Sein Geschäft als Vorstand des Gemeindekollegiums führt er in großzügiger und gewissenhafter Weise und ist auch seinem tatkräftigen Eingreifen oftmals zu danken, daß größere auch die Zukunft Kitzingens ins Auge fassende Projekte verwirklicht werden. Seit Ausbruch des Krieges hat er sich insbesondere als Leiter der Reichsbekleidungsstelle für den hiesigen Kommunalverband verdient gemacht. Ohne Zweifel ein äußerst fleißiger und tüchtiger Vorstand des Gemeindekollegiums und erfreut sich in weiten Kreisen der hiesigen Bevölkerung großen Ansehens. Er hatte früher ein Baugeschäft und genoss auch als Geschäftsmann einen sehr guten Ruf und brachte sein Geschäft auf sehr ansehnliche Höhe. Korbacher wird daher zur Allerhöchsten Auszeichnung für die Verleihung eines Ordens in Vorschlag gebracht.“

Korbacher war ein großzügiger und fortschrittlicher Mensch. So ließ er 1910 auf seine Kosten im Garten des neuen katholischen Kindergartens in der Ritterstraße 5 überdachte Hallen und Spielplätze erbauen und forderte ebenfalls 1910 den Bau einer elektrischen Überlandzentrale in Kitzingen. Er sah im "Mangel an Elektrizität stets ein Hindernis für die Entwicklung der Industrie in hiesiger Stadt" und warnte davor, rückständiger als die umliegenden Gemeinden zu sein, die bereits an die Überlandzentrale angeschlossen sind.

Michael Korbacher starb am 13. Juni 1943 in Kitzingen. Er hat das Stadtbild Kitzingens ein Vierteljahrhundert geprägt wie kaum ein anderer. Sein Name ist verbunden mit dem Bau der meisten großen Kitzinger Villen (u.a. Buchner, Völker, Fromm, Heidingsfelder), großzügiger neuer Straßenzüge (Bismarck-, Wörth- oder Moltkestraße) sowie auch mit bedeutenden Gemeinde- und Staatsbauten, zu denen die städtische Turnhalle und Gasfabrik, das Leichenhaus oder die Schlachthausanlage zählen. Zudem war er auch neben dem planenden Baumeister und städtischen Bautechniker Christoph F. Schneider als ausführender Baumeister für die 1883 eingeweihte Synagoge in der Schrannenstraße verantwortlich. Aber auch viele Industrieanlagen und Wohnhäuser sind unter seiner Bauleitung entstanden. So hat er den großen Saal des "Fränkischen Hofes" erbaut, die Farbenfabrik mit Villa der Fa. Rometsch & Co sowie Bierkellerei, Sudhaus und die großen Stallungen der Brauerei Kleinschroth.

 

Bürgermeister Siegmund Graff ehrte den Kitzinger Baumeister anlässlich der oben erwähnten Ordensverleihung 1917 mit folgenden Worten:

"Sein Unternehmungsgeist veranlaßte ihn zur Herstellung spektakulärer Wohnhaus- und Geschäftsbauten, wodurch Fremdenzuzug und Steuersoll günstig beeinflußt wurden und die allgemeine Bautätigkeit die größte Förderung erfuhr. Seine Arbeiter ehrten ihn, weil er ihnen jederzeit ein gerechter Herr und Meister war."

Doris Badel

Olga Pöhlmann (1880-1969)

Geburts- und Wohnhaus in der Mainstockheimerstr. 15

Olga Pöhlmann erblickte am 21. April 1880 als Tochter von Christoph Heinrich Krauß (1833-1903) und Klotilde Hermine Krauß, geborene Kuntze, in Kitzingen das Licht der Welt und verlebte hier ihre Jugendjahre. Sie entstammte einem alten Kitzinger Rangschiffergeschlecht, deren berühmtestes Mitglied der Rangschiffervorstand, Oberleutnant der Bürgerwehr und Magistratsrat Bernhard Krauß (1801-1878) war, Pöhlmanns Großvater.

Krauß segelte mit seinem Handelsschiff von Kitzingen bis nach Rotterdam und veröffentlichte 1842 seine Reiseerlebnisse in einem grauen Quartheftchen unter dem Titel „Meine Reise von Volkach-Kitzingen nach der holländischen Seestadt Rotterdam, mit dem Schiffe, genannt Ludwig I., König von Bayern, Ladungsfähigkeit 2925 Ztr., aus meinem Tagebuche von mir selbst zusammengestellt.“ Auch ihren Vater Christoph Heinrich Krauß, der von Beruf Exportkaufmann war, zog es bereits in jungen Jahren in die Fremde. Er gründete in London ein "Kaffee-Engrosgeschäft", das er 35 Jahre leitete.

 Stadtarchiv Kitzingen

Ihr erstes Gedicht schrieb Olga Krauß, wie sie damals noch hieß, bereits mit 14 Jahren, das Talent hatte ihr die Mutter vererbt. Klotilde Hermine Krauß stammte aus einer Familie, in der das Dichten, Schauspielern und Musizieren gang und gäbe war, obwohl der Vater als Advokat in Dresden tätig war. Die kleine Olga schrieb bereits als Kind leidenschaftlich Dramen für ihr Puppentheater. Im Alter von 17 Jahren hatte sie bereits eine beträchtliche Anzahl von Novellen verfasst, die bekanntesten dieser Jugendwerke wurden später im Bändchen "Fränkisches Mosaik" veröffentlicht.

Olga Pöhlmann hielt nach ihrer Heirat 1901 mit dem Nürnberger Theologen und Philosophen Prof. Dr. Johann Adam Pöhlmann ihrer Heimatstadt Kitzingen stets die Treue. Ihr Elternhaus hatte ihr Leben geprägt. Zwischen den Häusern Mainstockheimer Straße 15 und 17 erinnert eine Inschrift an der Toreinfahrt an „Peter Wilhelm Krauß erbauet 1828“. Die Dichterin schrieb in „Einige Worte über mich selbst“ folgendes über ihre Heimatverbundenheit: „In diesem Haus, am Main gelegen, bin ich geboren. Nicht geringen Einfluß auf meine Entwicklung besaß der heitere, lebhafte Fluß, der zu Zeiten der Eisschmelze sich plötzlich in einen reißenden Strom verwandeln kann. Menschen, die an einem Wasser geboren sind, werden wohl ihr ganzes Leben die Sehnsucht danach nicht mehr los."

 

Folgerichtig standen in einigen historischen Romanen Kitzingen und insbesondere der Main im Mittelpunkt. Erinnert sei nur an ihren bekannten, 1912 veröffentlichten ersten Roman „Die arme Stadt“ oder an den Kitzinger Schifferroman "Der Fluss“ (1964 erschienen), der den Aufstieg und Niedergang des Rangschiffergewerbes zum Thema hat. Der historische Roman „Die arme Stadt“, das für Kitzingen bedeutendste Werk, schlägt ein düsteres Kapitel der Kitzinger Geschichte auf: das blutige Gericht des Markgrafen Casimir nach der Niederschlagung des Bauernaufstandes 1525. Dies war ihr erster großer Erfolg als Romanschriftstellerin. Die Welt Frankens mit der reichen geschichtlichen Vergangenheit und die liebenswerten und originellen Gestalten fränkischen Volkstums hatten es ihr besonders angetan.

 Stadtmuseum Kitzingen

In Nürnberg schrieb Olga Pöhlmann neben historischen Romanen und zahlreichen Geschichten für Zeitungen und Zeitschriften noch Gedichte, Novellen, Essays und begeistert gelesene Jugendromane, zum Beispiel die spannende Jugendgeschichte der „Annette von Droste-Hülshoff“, einer Schriftstellerin und Komponistin des 19. Jahrhunderts. Ihr erfolgreichstes Buch war „Maria Sibylla Merian" (1935 erschienen, Auflage von fast 130.000 Stück war bereits 1957 erreicht), in dem sie die Lebensgeschichte der Naturforscherin und Malerin, die nach ihrer Heirat in Nürnberg lebte, schilderte. Erfolgreich waren auch ihre Bücher „Jan Swamerdam“, die Lebensgeschichte eines holländischen Arztes und Naturforschers (1941 erschienen), „Niklas Muffel. Ein Nürnberger Roman“ (1923 erschienen) oder „Käthe Hallerin“. Historische Treue, echte Lebensnähe und treffliche, einfühlsame Wiedergabe aller Geschehnisse zeichneten ihre Werke aus. Im Vorfeld ihrer historischen Romane und Lebensgeschichten verbrachte Pöhlmann unzählige Stunden in Archiven, studierte die Originalquellen und begab sich immer wieder auf längere Informationsreisen. Nichts durfte dem Zufall überlassen sein! Erst wenn es ihr gelungen war, das historische Fundament für einen Roman zu errichten, ließ Olga Pöhlmann ihre bewundernswerte schriftstellerische Fantasie walten.

Jahr für Jahr weilte die Schriftstellerin in ihrer Heimatstadt Kitzingen und las vor zahlreichen Zuhörern aus ihren Werken. Olga Pöhlmann verstarb am 17. Mai 1969 in Nürnberg. Eine besondere Ehrung erhielt die Dichterin, als 21 Jahre nach ihrem Tod im Nürnberger Stadtteil Mögeldorf eine Straße nach ihr benannt wurde. In Kitzingen wurde ihr diese Ehre vor Jahren im Neubaugebiet „Hammerstiel“ ebenfalls zuteil.

 

Sieben Jugendbücher, zahlreiche Essays und Novellen sowie zwei Dutzend historische Romane lassen die Schriftstellerin nicht in Vergessenheit geraten.

Eine Werkauswahl:

Die arme Stadt. Ein Zeitbild aus dem Bauernkrieg. 1912

Renate. Roman für junge Mädchen. 1918

Käthe Hallerin. Ein historischer Roman. 1919

Der Puppenspieler. Die Geschichte eines unmöglichen Menschen. 1921

Niklas Muffel. Ein Nürnberger Roman. 1924

Hans Kleeberg, der gute Deutsche.

Fränkisches Mosaik. 1928

Maria Sibylla Merian. 1935

Medard und die Frauen. 1936

Einsame Pfade. Die Jugend von Annette von Droste-Hülshoff. 1936

Drei Mädel auf einem Weg. Die Geschichte einer Freundschaft. 1937

Fahrt ins Leben. Ein Jungmädchenroman. 1938

Das tanzende Haus. Ein Jungmädchenroman. 1939

Die unentdeckte Welt. Der Weg des Arztes und Forschers Jan Swamerdam. 1941

Die Abwege der jungen Frau Vanhölt. 1949

Der junge König. 1950

Die Herzogin auf Holzschuhen. 1950

Karin in der Autofalle. 1963

Der Fluss. 1964

Drei Wege. Das Schicksal der Erika Holm.

Sterne, die sinken. (Roman)

 

Doris Badel

Johann Daniel Sander (1680-1731)

Wohnhaus in der Rosenstraße 17

Johann Daniel Sander wurde am 9. Juli 1680 in Maienfels, Herzogtum Württemberg, als Sohn des Pfarrers Heinrich Sander geboren. Er starb am 22. Juni 1731 in Kitzingen. Johann Daniel war der Neffe des ersten Kitzinger Weinhändlers Johann Christoph Sander (1646-1719), der 1667 aus Göttingen in die Mainstadt gezogen ist. Er entstammte einem alten Geschlecht, das seit 1350 in der Reichsstadt Nordhausen, dann in Rom und in Göttingen (von 1560 bis 1696) ansässig war. Die Sanders galten in Göttingen als reiche und sehr angesehene Kaufleute. Sanders Vater Jobst war Mitglied der Kaufmannsgilde, seine beiden Großväter waren Ratsherren. Die Familie zählte zu den „fürnehmsten Bürgern“.

Der junge Johann Christoph Sander begann 1667 bei seinem Onkel Jobst Oppermann, der seit fünf Jahren bereits in Kitzingen wohnte und hauptsächlich mit Wein und Branntwein handelte, eine kaufmännische Lehre. Er blieb insgesamt acht Jahre im Geschäft seines Onkels. Danach ließ er sich als Leinwand- und Weinhändler in der Herrnstraße nieder, wandte sich jedoch im Zeichen der französischen Kriege ganz dem lukrativeren Wein- und Branntweinhandel zu, der ihm großen Reichtum bescheren sollte.

Von 1676 bis 1708 stand er an der Spitze des Handelshauses Sander, das mit Branntwein und Wein in Kitzingen handelte und sogar Handelsbeziehungen u.a. nach Holland und Westfalen unterhielt. Zusammen mit Kaspar Wilhelm Rittershausen erlangte er ein Monopol für Transithandel mit Branntwein im Hochstift Würzburg. Sander hatte einen stattlichen Besitz an Weinbergen, Gärten und Äckern, betrieb darüber hinaus noch Geld- und Häusergeschäfte. Mit dem Steuerwert seines Vermögens, der 1685 bei 2.141 Gulden lag, war Sander neben Kaspar Wilhelm Rittershausen der reichste Kitzinger Bürger.

Johann Christoph Sander war zudem ein leidenschaftlicher Kämpfer für den evangelischen Glauben und war Mitglied im evangelischen Gemeindeausschuss. 1685 wurde er durch einstimmigen Beschluss der evangelischen und katholischen Ratsmitglieder in den Inneren Rat gewählt. Spätestens zu diesem Zeitpunkt stieg er zu einem der wichtigsten Führer der evangelischen Gemeinde auf.

Im Sommer des Jahres 1692 holte Sander seinen damals 12-jährigen Neffen Johann Daniel mangels Erben zu sich nach Kitzingen und adoptierte ihn später. 1697 erwarb Sander, der bis zu diesem Zeitpunkt 16 Jahre lang am Markt gewohnt hatte und zudem ein zweites Haus in der Herrngasse besaß, ein neues stattliches Anwesen mit Garten und geräumigen Weinkellern an der Stadtmauer, unweit des Faltertors in der Rosengasse. Dieses gehörte seit 1687 dem Freifräulein Johanna Juliana von Thüngen, daher auch der damals weit verbreitete Name für dieses Anwesen „Thüngensches Schlösschen“.

 

Das Haus ist 1573 von dem aus Würzburg wegen seines evangelischen Glaubens ausgewanderten Ratsherren und späteren brandenburg-ansbachischen Kammermeister sowie Hausvogt Konrad Müller (1539-1610) erbaut worden. Nach seinem Tod wohnte Sohn Georg Ludwig Müller, fürstlich-brandenburgischer Rat, Klosterverwalter und Kastner, mit seiner Familie darin. Als er nach der Wiedereinlösung Kitzingens durch das Hochstift Würzburg und der damit verbundenen Rekatholisierung Kitzingens im Jahr 1629 mit seiner Frau und den Kindern aus religiösen Gründen nach Neustadt an der Aisch auswandern musste, behielt er „die Behausung am Rosenberg“ bis 1641. In diesem Jahr ist er letztmals im Steuerbuch nachweisbar.

 

Das geräumige Wohnhaus war mit gotischen Stufengiebeln und Erkertürmchen geschmückt. Ein niedriges Nebengebäude mit Stallungen umschloss einen kleinen Hof, in dem sich ein Brunnen befand. In dem neuen Heim wohnten die Sanders über 200 Jahre und durch sie gewann das Haus am Rosenberg eine nicht geringe Bedeutung im Leben der Stadt. Den Stammsitz am Rosenberg verschönerte Johann Christoph Sander, indem er den Garten vergrößerte, zudem ließ er die Fassade nach dem Zeitgeist des 18. Jahrhunderts renovieren. Zwar lebte er in dem großen Haus räumlich von den Nachbarn abgetrennt, doch in regem Verkehr mit der Umwelt. Hier nahm er viele evangelische Bildungsbürger, darunter Lehrer, Ratsherren, Pfarrer und sonstige Mitkämpfer auf und hier versammelte sich häufig die evangelische Gemeindevertretung. Auch sollen in diesem Haus heimlich Predigten und Abendmahl abgehalten worden sein.

Neffe Johann Daniel Sander, seit 1701 Mitinhaber der Branntwein- und Weinhandlung Sander, übernahm die Geschäfte der Branntweinhandlung seit Ende des Jahres 1707 in Eigenverantwortung, da sein Onkel Johann Christoph mit seinem neuen Amt als Steuerherr mehrere Tag in der Woche im Rathaus beschäftigt war und sich nicht mehr mit vollen Kräften dem Geschäft widmen konnte. Nach einigen Jahren wurde ihm auch die Weinhandlung übergeben. Onkel Johann Christoph beschränkte sich von diesem Zeitpunkt an ganz auf die Verwaltung der zahlreichen Liegenschaften und Kapitalien.

Johann Daniel heiratete im Januar 1709 standesgemäß eine Tochter von Rittershausens, Rosina Magdalena Rittershausen. Diese Ehe verband die bei weitem angesehensten und reichsten Familien der evangelischen Gemeinde. Johann Daniel setzte in den folgenden Jahren bis zu seinem frühen Tod 1731 die Lebensarbeit seines Onkels würdig fort. Er erwarb sich durch Erbschaften und Kauf einen stattlichen Besitz an Wein- und Feldgütern, zudem gehörten ihm auch vier Häuser. 1716 wurde er in den Rat gewählt und er verwaltete 1720/21 die Landschatzung.

Sein ältester Sohn Johann Reichard Sander (1713-1782) führte von 1741 bis 1782 die Weinhandlung weiter, wandte sich aber auch verstärkt dem Speditionshandel zu, so dass er 1762 als bedeutendster Handelsherr des Hochstifts Würzburg galt. Seine beiden mittleren Söhne, Johann Heinrich (1756-1815) und Lorenz Daniel (1768-1850), setzten gemeinsam den Weinbau und Weinhandel ihres Vaters fort. Lorenz Daniel erwarb durch seine Heirat mit Justina Magdalena Dedel 1795 ein Haus mit Nebenhaus und Garten in der Falterstraße, Ecke Kapuzinergraben, das bis 1940 im Familienbesitz blieb.

 

Nach der Teilung des Geschäfts 1818 traten der Reihenfolge nach Johann Georg Sander (1797-1860) und Gottleb Friedrich Sander (1800-1867) in das väterliche Handelshaus ein. In der nachfolgenden Generation schließlich verkaufte Franz Sander, Sohn von Gottleb Friedrich Sander und Karoline Lotz, 1893 das Stammhaus in der Rosenstraße 17 an Schreinermeister Andreas Rübig. Dies bedeutete auch das Ende der Weinhandlung „H. Sander & Co.“. Die Weinhandlung in der Falterstraße 13 „Gebr. Sander“, blieb davon jedoch unberührt. Erst 1940 ist die Weinhandlung Sander nach dem Tod des Firmeninhabers Richard Springmann (Sohn von Henriette Sander und Louis Springmann) erloschen.

Quellen:

Hermann Sander, Johann Christoph Sander des Inneren Rats zu Kitzingen (1646-1719), Nürnberg 1932.

Karl Meyer, Die Entwicklung des Weinhandels in Kitzingen, Würzburg 1923/24.

 

 

Doris Badel

Andreas Schmiedel (1829-1882)

Wohnhaus in der Schmiedelstraße 1

Der am 16.12.1829 in Thierstein/Oberfranken geborene Andreas Schmiedel besuchte das Gymnasium in Bayreuth und studierte in Erlangen Jura, wo er 1855 das erste bzw. 1857 das zweite Staatsexamen ablegte. Am 15. Juli 1858 wurde er zum ersten Mal in Kitzingen tätig, um Bürgermeister Förster in dessen Funktion als Rechtsrat zu unterstützen. Diese Tätigkeit übte er bis zum 28. Oktober 1859 aus. Spuren seines damaligen Wirkens finden sich vor allem im Stadtarchiv, denn auf Schmiedel sind die Ordnung der Registratur sowie die Anlegung eines Findbuchs zurückzuführen.

 

Als Bürgermeister Andreas Förster Ende des Jahres 1859 sein Amt niederlegte und ans Landgericht Ebern wechselte, übernahm Schmiedel am 3. Dezember 1859 kommissarisch die Geschäfte des rechtskundigen Bürgermeisters. Bei der ausgeschriebenen Neuwahl zum Bürgermeister der Stadt Kitzingen am 20. Januar 1860 kandidierte er, setzte sich gegen acht Mitbewerber durch und wurde am 1. Februar 1860 als neuer rechtskundiger Bürgermeister vereidigt.

Der linksliberale Protestant Schmiedel war ein großer Förderer von Wirtschaft und Kultur über alle konfessionellen Grenzen hinweg. Mit seinem Namen ist die Modernisierung des städtischen Gemeinwesens unmittelbar verbunden. Während seiner bis zum 30. November 1881 dauernden Amtszeit erlangte Kitzingen die Kreisunmittelbarkeit und die Stadterweiterung wurde vollzogen. Jenseits der Stadtmauern entstanden weitläufige Wohngebiete, neue Straßen, Plätze und Grünanlagen wurden angelegt. Alte Mauern, Tore und Türme (u.a. Faltertor, Brücken- und Sixtenturm) fielen der Verschönerung des Stadtbilds zum Opfer, Kitzingen wurde freundlicher und heller, die Straßen erhielten ein neues Pflaster. 

Weitere Meilensteine seiner Politik waren der Anschluss Kitzingens an das Eisenbahnnetz 1865, die Wiederentstehung einer jüdischen Gemeinde, die 1883 im Bau einer prächtigen Synagoge gipfelte, die Anlegung einer neuen Wasserleitung, eines Wasser- und Gaswerks, der Ausbau des höheren Schulwesens zur Verbesserung des Bildungsangebots sowie die Gründung einer Volksschulbibliothek und eines Spar- und Vorschussvereins auf Genossenschaftsbasis.

Die 1871 erbaute Gewerbeschule im Rosengarten, in unmittelbarer Nähe zu Schmiedels Wohnhaus, wurde 1877 zu einer sechsklassigen Realschule umgebaut. Am rechten Bildrand ist das 1878 eingeweihte Kriegerdenkmal zu sehen, eine Erinnerung an den erfolgreichen Krieg gegen Frankreich 1870/71.

 Stadtarchiv Kitzingen

Andreas Schmiedel war seit 1865 mit der Weinhändlerstochter Margaretha Barbara Gebhardt aus Sommerhausen verheiratet, die ihm drei Kinder gebar, vier Jahre nach der Hochzeit jedoch verstarb. Seine zweite Frau Julie, geborene Gründler, Tochter eines Landgerichtsassessors, die er 1871 heiratete, schenkte ihm weitere drei Kinder. Bürgermeister Schmiedel wohnte zu diesem Zeitpunkt mit  seiner Familie außerhalb des alten Stadtkerns im neu erbauten Wohnhaus seines Schwiegervaters in der Realschulstraße 861. Kurz nach seinem Rücktritt vom Bürgermeisteramt ist Andreas Schmiedel am 17. August 1882 im Alter von 53 Jahren verstorben. Sechs Jahre nach seinem Tod ist die Realschulstraße ihm zu Ehren in Schmiedelstraße umbenannt worden. Die damalige Adresse Realschulstraße 861 entspricht der heutigen Hausnummer Schmiedelstraße 1.


Literatur: Christian Wolfsberger: Kitzingen – Kommunalpolitik und Modernisierung einer bayerischen Stadt 1818 – 1918, S. 133 – 164. In: Mainfränkische Studien, Band 72, Würzburg 2005.

 

Doris Badel

Michael Schneeberger (1949-2014)

1982 Mitbegründer ders Förderverein Ehmalige Synagoge Kitzingen a.M. und Wegbereiter für den Wiederaufbau der Synagoge

Im Oktober 2014 verstarb der jüdische Heimat- und Familienforscher Michael Schneeberger. Ihm hat die regionale Geschichts- und Erinnerungsarbeit sehr viel zu verdanken. Und er hat der Jüdischen Gemeinde seine Sammlung hinterlassen, die nun an das Johanna-Stahl-Zentrum geht.

Man hätte ihn für die Reinkarnation eines fränkischen Juden der Zeit vor der Shoa halten können. Wüsste man es nicht besser: Dass es dieses spezifische Judentum, diesen Typus eines fränkischen Landjuden nicht mehr gibt. Und dass Michael Schneeberger am 6. April 1949 als Nichtjude geboren wurde.

Und doch, seine gelebte Jüdischkeit, sein unüberhörbarer fränkischer Akzent bekräftigen dieses Bild. Er hat, nach Jahren an verschiedenen Orten und vielleicht auch Jahren einer Sinnsuche, während eines langen Israelaufenthaltes Ende der 1970er Jahre die jüdische Religion für sich als richtig erkannt und ist zum Judentum übergetreten. Der Plan, sein zukünftiges Leben in Israel zu verbringen, scheiterte jedoch an massiven gesundheitlichen Problemen. Die sollten ihn auch für den Rest seines Lebens begleiten: Alles, was er erreicht hat, musste er seinem Körper abtrotzen.

Er kehrte nach Deutschland, nach Kitzingen in Unterfranken zurück und begann hier, sein Judentum zu leben und zu gestalten. Als tief religiöses und treues Mitglied der Israelitischen Kultusgemeinde Würzburg und Unterfranken brachte er sich in das Leben der Gemeinde ein. Zugleich begann er, sich mit den Überresten des fränkischen Judentums in seiner Region zu befassen. Seine Religion zu leben und die Spuren der jüdischen Menschen in der Region, in Unterfranken und darüber hinaus aufzudecken und den Kontakt mit den Vertriebenen herzustellen, wurde zum Mittelpunkt und zur Selbstverpflichtung seines Lebens.

 

Viele haben von seinem Engagement profitiert – doch Preise, Medaillen und Ehrungen hat Michael Schneeberger bis auf eine Ehrenurkunde des Kitzinger Fördervereins (2011) nicht erhalten. Er war zu bescheiden, um für sich und seine Arbeit zu trommeln. Und er konnte ein konsequenter, unbequemer Mahner sein, der sich nicht in den Mittelpunkt stellte oder anbiederte, um geehrt zu werden. Erst jetzt, nach seinem Tod, hat der Kitzinger Stadtrat einstimmig beschlossen, eine Gedenkplatte in der Kitzinger Synagoge zu seiner Würdigung anzubringen. Eine posthume Ehrung durch das Land Bayern zu erwarten, wäre auch nicht völlig vermessen.

Das erste große Projekt, dem sich Michael Schneeberger verschrieb, war der Kampf um den Wiederaufbau und die Neunutzung der 1938 zerstörten Synagoge vor Ort. 1982 gehörte er zu den Gründern des Fördervereins ehemalige Synagoge Kitzingen am Main e.V. und konnte nach harter politischer Überzeugungsarbeit 1993 die restaurierte Synagoge mit einweihen. Sie wird seitdem von der Stadt, der VHS und dem Verein für kulturelle Zwecke genutzt.

Ausgelöst durch den Wunsch israelischer Freunde widmete sich Schneeberger seit 1985 der jüdischen Familienforschung. Weit mehr als 500 kleinere und größere Rechercheprojekte führte er meist im Auftrag von Angehörigen oder Nachkommen durch, denen vom Ausland aus die Möglichkeiten und zunehmend die sprachlichen Kompetenzen dafür fehlten. Die Kontakte zu den Menschen und ihren Familien sowie die Querverbindungen, die sich daraus ergaben, wurden zu einer wichtigen Quelle seiner Arbeit und ermöglichten es ihm, auch in seinen publizierten Darstellungen immer nah an den Menschen und ihrem Schicksal zu bleiben.

Schneeberger war ein Autodidakt, der sich der Heimat- und Familienforschung mit hoher Kompetenz und akribischer wissenschaftlicher Arbeitsweise gewidmet hat – durchaus keine Selbstverständlichkeit. Und er sah, ebenfalls nicht selbstverständlich, bei aller Bedeutung der aktuellen Erinnerungskultur, den gesamten Zeitraum der jüdischen Geschichte, nicht nur die Zeit der Verfolgung unter der NS-Herrschaft. Seine Fähigkeiten zum Quellenstudium und seine profunden Kenntnisse der jüdischen Religion und Kultur ließen ihn zum gefragten Experten und überdies Referenten für eine Vielzahl von Veranstaltungen werden. Und doch hatte er – vermutlich aus leidvoller Erfahrung – Respekt, wenn nicht Angst vor akademisch gebildeten Historikern und hielt sich zu ihnen meist auf Distanz. Erst heute beginnen deren Vertreter zu begreifen, wie innovativ Schneebergers Form der Erinnerung an die Menschen war, die vertrieben und ermordet wurden.

Eine gesicherte Existenz konnte Schneeberger sich mit seinen Arbeiten nicht aufbauen, wird verschiedentlich euphemistisch als "Lebenskünstler" bezeichnet. Für ihn hatte seine Selbstverpflichtung oberste Priorität. So war es eine Genugtuung und Anerkennung, dass er wenigstens für etwa zehn Jahre ab 2002 einen Arbeitsvertrag durch das Ephraim-Gustav-Hoenlein-Genealogie-Projekt der Ronald S. Lauder-Foundation erlangen konnte.

Abgesehen von den über seine Heimatregion hinaus weisenden genealogischen Forschungen, für die er Archive im In- und Ausland besuchte, konzentrierte er seine Forschungen vor allem auf Kitzingen und sein Umland. Der jüdische Gebietsfriedhof in Rödelsee, dessen Verfall er hautnah miterleben musste, war ihm dabei ein zentrales Anliegen. Denn auch hier ließen sich die Spuren der jüdischen Menschen aus Kitzingen und der Region auffinden.

Zusammen mit dem Fotografen Christian Reuther führte er ein herausragendes, deutschlandweit wahrgenommenes historisch-künstlerisches Projekt durch: bei Nacht und im Scheinwerferlicht aufgenommene Großfotografien einiger, z.T. bereits stark verwitterter oder zerstörter Grabsteine wurden der Geschichte der dort bestatteten Personen und ihrer Familien gegenüber gestellt. Die Ausstellung war seit 1993 u.a. in Berlin und in Kassel zu sehen, ein Katalog erschien.

Dieses Projekt reihte sich ein in Schneebergers Hauptthema der Erinnerung an die jüdischen Familien in Kitzingen. Hierfür stellte er 1996 eine erste Fassung eines Memorbuchs her, dessen Endfassung schließlich 2011 in Kooperation mit weiteren Autoren parallel in deutscher und in englischer Sprache im Druck erschien. Es reicht weit über das hinaus, was andernorts unter diesem Titel vorgelegt wird, denn es umfasst nicht nur Biographien der Ermordeten, sondern auch solche aller anderen in Kitzingen geborenen oder ansässigen Familien, einschließlich der Personen, die die Lager überlebten, und derjenigen, denen die Flucht gelang. Wertvoll ist es auch deshalb, weil so viele persönliche Zeugnisse in dieses Buch eingeflossen sind.

Die jüdischen Landgemeinden in Bayern stellen schließlich seinen dritten Arbeitsschwerpunkt dar. Seit 2002 veröffentlichte er in der Zeitschrift des Landesverbands "Jüdisches Leben in Bayern" eine Serie dazu: In fast jedem Heft sind seitdem insgesamt 37 Artikel zu je einer oder mehreren Landgemeinden in Bayern erschienen, deren Quellen ausführlich nachgewiesen sind. Es wäre so gut gewesen, wenn Michael Schneeberger noch die Lebenszeit vergönnt gewesen wäre, auch hier weiter zu machen. Daneben erschienen einzelne weitere Aufsätze von ihm zu Familien und Gemeinden in Obernbreit, Marktbreit, Heidingsfeld und Obernzenn.

Das breite Wissen von Michael Schneeberger können wir nun nicht mehr befragen. Doch er hat die Ergebnisse seiner Recherchen akribisch aufgezeichnet und abgeheftet. Diese Sammlung wird nun unsere Fragen beantworten müssen – und sie bleibt der (Heimat-)Forschung weiter zugänglich. Denn Schneeberger hat diese Sammlung der Jüdischen Gemeinde in Würzburg hinterlassen, die sich unter Zustimmung der Familie entschieden hat, sie mit wenigen Ausnahmen dem Johanna-Stahl-Zentrum für jüdische Geschichte und Kultur in Unterfranken im gleichen Gebäude zu stiften. Dort wird sie vorbehaltlich der Zustimmung des Bezirksausschusses in die Sammlung des Zentrums aufgenommen, erschlossen und kann eines Tages gezielt genutzt werden.  

Eine erste grobe Verzeichnung der Bestände wird sobald wie möglich auf der Öffnet externen Link in neuem FensterHomepage des Zentrums eingestellt. Daraus wird auch ihr großer Wert ersichtlich werden, denn vieles von dem, was Schneeberger erarbeitete, blieb ungedruckt: vor allem Findbücher zu den Quellen einzelner Gemeinden, darunter alle aus dem ehemaligen Rabbinat Kitzingen, oder die mehr als 30 umfangreichen Familiendokumentationen sowie seine Vorträge.

Am 13. Oktober 2014 hat Michael Schneeberger den Kampf gegen die vielen Krankheiten seines Körpers verloren. Zwei Tage später wurde er auf dem Jüdischen Friedhof in Würzburg begraben. So richtig wird manchen erst jetzt bewusst, was sie an ihm hatten – und was sie verloren haben.

 

Quelle: Rotraud Ries

Friedrich von Deuster (1836-1911)

Prinzregent Luitpoldstraße 12

Christian Friedrich Deuster erblickte am 2. März 1836 in Kitzingen als viertes Kind des Weinhändlers Carl Otto Deuster II. und dessen Ehefrau Justine, geborene Hornschuh, das Licht der Welt. Die Familie Deuster stammte ursprünglich aus Kirn, das zwischen Idar-Oberstein und Bad Kreuznach an der Nahe liegt. Friedrich Deusters Großvater Carl Otto Deuster I. erhielt 1757 das Bürgerrecht der Stadt Kitzingen und seitdem betätigten sich die Deusters als Weinhändler, Kaufleute oder Bankiers. In den Jahren 1840/41 erwarb die Familie das Rittergut in Ditterswind (LK. Haßberge), das als Sommersitz und Kapitalanlage zugleich diente.

Nach dem Besuch des Gymnasiums in Meiningen studierte Friedrich Deuster zuerst zwei Semester Chemie an der Universität in Göttingen und schrieb sich dann im Wintersemester 1854/55 in das Fach Finanz- und Volkswirtschaft ein. Offensichtlich beendete er dieses Studium nicht, denn in seinem Gesuch um Ansässigmachung in der Stadt Kitzingen von 1866 findet sich kein Zeugnis darüber. Deuster war zu dieser Zeit als Weinhändler bei seinem Vater tätig und oft auf Geschäftsreisen. Nach dem Tod des Vaters 1877 verkaufte die Witwe die gesamten Besitzungen als Gemeinschaftseigentum an ihre drei Söhne, darunter das Stammhaus in der Luitpoldstraße 12, Weinberge und Äcker in Kitzingen, Rödelsee und Iphofen sowie das Rittersgut Ditterswind. In der Folgezeit begannen die Brüder mit dem Kauf von Immobilien im großen Stil. 1884 wurde die Familie von König Ludwig II. in den Adelsstand erhoben.

Ende des Jahres 1887 trat Friedrich von Deuster in die Kommunalpolitik ein und wurde auf Anhieb zum 2. Vorstand des Gemeindebevollmächtigtengremiums, Anfang 1889 dann zum 1. Vorstand dieses Gremiums gewählt. Dieses Amt hatte er bis 1908 inne. Neben dem Magistrat fungierte der Rat der Gemeindebevollmächtigten als weiteres Verwaltungsorgan, er verstand sich als Vertreter der Gemeinde. Der Magistrat musste die Zustimmung der Gemeindebevollmächtigten bei wichtigen Entscheidungen einholen, z.B. bei Verpachtungen und Geldausleihen aus Gemeinde- oder Stiftungsmitteln, bei Besoldungsfragen, bei Heimat- und Gemeinderechtsgebühren, bei der Gründung neuer Gemeindeanstalten, bei Gemeinde- und Stiftungsneubauten, bei dem Erwerbung und der Veräußerung von Grundbesitz, bei Kapitalanlagen, bei verschiedenen Steuer- und Gebührenregelungen sowie bei allen Darlehens- und Schuldenfragen. Seit 5. März 1888 war Friedrich von Deuster zudem auch Landrat und fungierte somit als Vertretungsorgan der Kreisgemeinde. In politischer Hinsicht war er konservativer Grundhaltung und dem Königreich Bayern stets treu ergeben. 

Ein besonderer Wesenszug der Familie Deuster war die über Generationen anhaltende Freigiebigkeit und das Eintreten für soziale Belange sowie die Bemühung um Verschönerung von Stadt und Land. So waren es die Brüder Oskar und Friedrich Deuster, die bei der Errichtung des Königsplatzes 1884 mit hohem finanziellem Engagement beteiligt waren oder auch die städtischen Anlagen des Verschönerungsvereins oberhalb des Bahnhofs als Freizeitgelände kräftig bezuschussten.

 

 

Unvergessen bleibt Friedrich von Deusters Engagement für die evangelische Gemeinde. Hier trat er mehrmals als Stifter und Spender hervor. So ließ er zwei alte Häuser an der Ecke Kapuzinergasse/Schreibergasse abreißen und einen Neubau für die Industrie- und Haushaltungsschule errichten, der zusammen mit dem Städtischen Krankenhaus im Jahre 1902 eingeweiht werden konnte. Deuster war auch einer der Mitbegründer des Städtischen Museums 1895 und stattete es großzügig mit Exponaten aus seinem Familienbesitz aus. 1898 stiftete er das Paul-Eber-Denkmal vor dem Kirchturm der Evangelischen Stadtkirche

 

Friedrich von Deuster wurde am 17. Januar 1906 das Ehrenbürgerrecht der Stadt Kitzingen verliehen, da er sich „viele und große Verdienste um das Gemeinwesen“ erworben hat. Aus gesundheitlichen Gründen musste er zwei Jahre später sein Amt als 1. Vorstand des Gemeindebevollmächtigtengremiums abgeben. Deuster zog sich auf das elterliche Rittergut Ditterswind zurück, wo er am 1. Oktober 1911 verstarb. Die Beerdigung Friedrichs von Deuster fand am 4. Oktober 1911 auf Alten Friedhof statt. Fünf Tage später wurden Einzelheiten aus dem Testament des Verstorbenen bekannt. Demnach spendete der unverheiratete und kinderlose Friedrich von Deuster 10.000 Mark für die protestantische Kinderbewahranstalt und Industrie- und Haushaltungsschule, weitere 10.000 Mark für die neue Pfründeanstalt und 1.000 Mark sollten zur sofortigen Verteilung an Stadtarme verwendet werden.

Literatur: Kitzinger Zeitung vom 2. Oktober 1911.
Volker Rößner: Die Familie von Deuster. In: Jahrbuch für den Landkreis Kitzingen 2009. Kitzingen 2009.
Doris Badel: Ein Jahrhundert blickt zurück 1900-1924. Kitzingen 2007.

 

Doris Badel

Frida von Soden (1860-1933)

Kapuzinerstraße 19

Frida von Soden, nach der das Seniorenheim in der Kanzler-Stürtzel-Straße benannt ist, wurde 1860 auf Gut Neuhaus bei Hannover geboren und besuchte nach dem Tod ihrer Eltern die höhere Schule in Neuendettelsau. Sie entschloss sich für den Lebensberuf der Diakonisse und war in verschiedenen Einrichtungen als Lehrschwester tätig. Im Alter von 36 Jahren begann sie mit ihrer Arbeit in der wirtschaftlich aufblühenden Handels- und Gewerbestadt Kitzingen.

 

Kinderschule, Krankenpflege und das große Hauswesen standen unter ihrer Oberleitung. Dazu leitete sie auch die „Handarbeits- und Industrieschule“, die allen Töchtern ohne Unterschied der Konfession offen stand. Als Lehrkräfte dienten drei in Handarbeiten ausgebildeten Diakonissen von Neuendettelsau. Wegen des Raummangels musste der Unterricht im protestantischen Schulgebäude gegeben werden, wo täglich 150 schulentlassene Mädchen unterrichtet wurden.

Der Aufschwung der wirtschaftlichen Verhältnisse verlangte jedoch nach einer noch vielseitigeren hauswirtschaftlichen Ausbildung der weiblichen Jugend. So wurde auf Wunsch der evangelischen Gemeinde im Frühjahr 1896 als Ergänzung der Industrieschule eine eigene Haushaltungsschule gegründet. Auswärtigen Schülerinnen diente sie als Pensionat. Dank einer großzügigen Spende der Familie von Deuster konnte das räumlich beschränkte Anstaltsgebäude aufgestockt und durch einen östlichen Anbau erweitert werden.

Unter der Oberleitung von Frida von Soden begann der Unterricht am 15. September 1896. Die im Aufbau befindliche Industrie- und Haushaltungsschule zählte 1897 bereits 22 Elevinnen. Bald war der Ruf der Kitzinger Haushaltungsschule so gut, dass wesentlich mehr Anmeldungen vorlagen, als Pensionärinnen aufgenommen werden konnten.

 

Ständig wurden die Einrichtungen erweitert und von Soden schaffte es auch während der schweren Zeit des Ersten Weltkriegs mit Tatkraft und Einfallsreichtum, sich um Krankenpflege, Kindererziehung, Hauswirtschaft und Behindertenarbeit in Kitzingen zu kümmern.

1921 stiftete die fromme, praktische und großzügige Frau einen nach ihren Entwürfen gefertigtes, mit zwölf Edelsteinen verzierten Abendmahlgerät (Kelch und Hostienteller), das – was viele der Dekanatsfrauen nicht wussten – noch heute bei jeder Abendmahlsfeier in Gebrauch ist. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg hatte von Soden, außerhalb der Stadt, in der Kanzler-Stürtzel-Straße, ein großes Grundstück gekauft, auf dem 1955 bis 1957 das neue Alten- und Pflegeheim gebaut wurde, das seit 1995 ihren Namen trägt, erfuhren die Zuhörerinnen.

32 Jahre lang führte Schwester Frida die „Protestantische Anstalt“ und prägte somit das evangelische Leben der Stadt Kitzingen, bevor sie 1928 nach Neuendettelsau ins Feierabendhaus zurückkehrte, wo sie nach schwerer Krankheit und fast blind am 1. Oktober 1933 starb.

Literatur: Richard Herz: Chronik der Evang. Luth. Kirchengemeinde Kitzingen, Kitzingen 1963.
Christoph Schmerl: Das soziale Engagement der evangelischen Gemeinde um die Jahrhundertwende. In: Helga Walter, 1250 Jahre Kitzingen am Main, Schriften des Stadtarchivs Kitzingen, Band 4, Kitzingen 1995.

 

Doris Badel

Richard Wildhagen (1890-1981)

Wohnhaus in der Kanzler-Stürtzel-Straße 2

Richard Wildhagen (geb. 10.1.1890 in Kitzingen, gestorben am 20. August 1981, verheiratet mit Hertha Wilhelmine Hedwig, Freiin Ebner von Eschenbach), Sohn des Bonbonfabrikanten Hermann Wildhagen, besuchte die königliche Realschule in Kitzingen und begann nach erfolgreichem Schulabschluss seinen beruflichen Lebensweg in der „Drogenhandlung Duvernoy Nachf.“ in Stuttgart sowie in der Schweizer „Bonbonfabrik J. Klaus“ in Le Locle, wo er sich das Fachwissen für seinen späteren Beruf aneignen konnte.

Nach dem Studium an der Handelshochschule in Berlin konnte er auf seinen Geschäftsreisen wirtschaftliche Erfahrungen gewinnen. Am Ersten Weltkrieg nahm Richard Wildhagen als Kavallerieoffizier der Reserve teil. Nach Kriegsende trat er in die elterliche Bonbonfabrik und die Pfirschinger Mineralwerke ein. Zwei Jahre später wurde er Gesellschafter der beiden Firmen und förderte in der Folgezeit tatkräftig die Modernisierung der Fabrikationsanlagen und die Erstellung bedeutender Neubauten.

 Stadtarchiv Kitzingen

1932 starb sein Onkel, der Geheimrat und Firmengründer August Wildhagen. Des Weiteren schied sein Vater Hermann aus der Firma aus, so dass Richard das Unternehmen „A. Wildhagen & Co. Bonbonfabrik Kitzingen“ ab 1934 alleine weiterführte. Eine Vielzahl neuer Aufgaben kam auf ihn zu, die er jedoch meistern konnte. Harte Schicksalsschläge trafen das Unternehmen in den Kriegs- und Nachkriegsjahren. Die Pfirschinger Mineralwerke wurden beim Bombenangriff auf Kitzingen am 23. Februar 1945 vollständig zerstört. Die Bonbonfabrik und das Wohnhaus besetzten die Amerikaner. Erst nach langwierigen Verhandlungen gelang es Wildhagen, wesentliche Teile seines Betriebs wieder frei zu bekommen, so dass am 1. Juli 1949 die Produktion der Bonbonfabrik wieder beginnen konnte. Ein Teilbetrieb der Pfirschinger Mineralwerke konnte 1950 ebenfalls wieder mit der Produktion beginnen.

1960 erwarb Horst Bentz, Inhaber der Melitta-Werke in Minden, mehrere Süßwarenfirmen, darunter auch die „A. Wildhagen & Co. Bonbonfabrik Kitzingen“. Zu diesem Zeitpunkt stand dem Seniorchef Richard Wildhagen sein Sohn Hasso, der bereits 1939 in den elterlichen Betrieb eingetreten ist, als Juniorchef zur Seite. Alle Firmen blieben als Produktionsbetriebe bestehen, produzierten aber ausschließlich für die neu gegründete Firma „Feurich-Vertriebsgesellschaft mbH“ in München, später in Stuttgart/Obertürkheim. Da der erwartete Erfolg ausblieb, verkaufte Bentz 1963 die Bonbonfabrik Wildhagen an die Fa. August Storck.
Zum Jahresende 1969 musste Wildhagen die Produktion ganz einstellen.

 Stadtarchiv Kitzingen

Auf Grund seiner sozialen Einstellung nicht nur von der Belegschaft hoch geschätzt, engagierte sich Richard Wildhagen auch im öffentlichen Leben. Berufsständisch arbeitete er seit 1923 in verschiedenen Verbänden der Süßwarenbranche. 1949 wurde er zum Vorsitzenden des Verbands der deutschen Süßwarenindustrie gewählt. Dieses Ehrenamt übte er bis 1959 voller Elan aus. Trotz seines fortgeschrittenen Alters übernahm er anschließend den Posten eines stellvertretenden Vorsitzenden dieses Verbandes. Ebenso war er Vorstandsmitglied der Zentralfachschule der Deutschen Süßwarenindustrie und etablierte ab 1951 mit die staatlich anerkannte Ausbildung zur Fachkraft für Süßwarentechnik. An der Gründung der europäischen Vereinigung der Süßwarenindustrie in der EG war er auch beteiligt. Ferner war Wildhagen Vertreter der Arbeitgeber bei der Landesversicherungsanstalt Unterfranken.

Höhepunkt des kommunalpolitischen Wirkens war seine Tätigkeit als ehrenamtlicher Kitzinger Oberbürgermeister vom 5. Juli 1948 bis zum 30. März 1952. Wildhagen, Gründungsmitglied der Kitzinger CSU, wurde mit der größten Stimmenanzahl in den Stadtrat gewählt, dieser wiederum bestimmte ihn einstimmig zum Oberbürgermeister. Seine Amtszeit begann kurz vor der Währungsreform auf dem Höhepunkt der existenziellen Not der Bevölkerung. Der aufgeschlossene und stets hilfsbereite Unternehmer mit politischen Ambitionen trug einen wesentlichen Anteil am Wiederaufbau der schwer kriegszerstörten Stadt, und dies, ohne dafür entlohnt zu werden.
Die außerordentlichen Leistungen, die Wildhagen neben seiner Berufstätigkeit seit vielen Jahren mit großem Idealismus und zum Wohl der Allgemeinheit vollbracht hat, erhielten am 27. Juli 1955 vom Staat die gebührende Würdigung. Regierungspräsident Dr. Hölzl überreichte ihm das Verdienstkreuz zum Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland.

Ein Jahr später zog sich Richard Wildhagen jedoch ganz aus der Politik zurück, was allgemein sehr bedauert wurde. Vom stellvertretenden bayerischen Ministerpräsidenten Dr. Rudolf Eberhard erhielt er im September 1963 bei einer Feierstunde in München das Große Bundesverdienstkreuz, den höchsten Orden, den ein Staat zu vergeben hat.

Richard Wildhagen starb am 20. August 1981 im hohen Alter von 90 Jahren.

August Wildhagen (1856 - 1932)

August Carl Theodor Wildhagen wurde am 18. Oktober 1856 in Rübeland am Brocken (Landkreis Harz) geboren und absolvierte nach seiner Schulzeit eine Lehre in den Harzer Eisenwerken. Er zog im Jahr 1884 nach Kitzingen, zuerst Wörthstraße 816/818 (Wörthstraße 25), dann Mühlbergstraße 1, und gründete gemeinsam mit seinem Schwiegervater, dem Bankier Kommerzienrat Georg Bachmann, am 25. August 1884 die Firma A. Wildhagen u. Co., die den Vertrieb der „Feinen Schweizer Bonbons“ der Firma Klaus für ganz Deutschland auf eigene Rechnung übernahm. Drei Jahre später erwarben die Brüder ein eigenes Fabrikanwesen in Kitzingen, in dem sie die bis zu diesem Zeitpunkt nur in der Schweiz hergestellten Bonbons selbst produzierten. 1905 gründete er mit seinem Bruder Hermann die Pfirschinger Mineralwerke, die als erste deutsche Fabrik Bleicherde für Öle und Fette herstellte.

 

Das Bürgerrecht der Stadt Kitzingen erwarb August Wildhagen am 3. Mai 1900. Am 12. Mai 1911 wurde er mit dem ehrenvollen Titel Kommerzienrat ausgezeichnet. In dem von Bürgermeister Ludwig Graff formulierten Antrag an die Kgl. Regierung von Unterfranken und Aschaffenburg heißt es:

Herr August Wildhagen betreibt mit seinem Bruder Hermann dahier eine Confisseriewarenfabrik, welche seit Jahren in vollster Blüte steht und für die hiesige Bevölkerung von großem Segen ist. Es werden in dieser Fabrik außer eigentlichen Confisseriewaren auch Mentholpastillen gefertigt. Diese Fabrikation verpflanzte Herr August Wildhagen von der Schweiz nach Bayern. Außerdem haben die Herren August und Hermann Wildhagen dahier eine vollständig neue Fabrikation durch die Erbauung der sogenannten Pfirschinger Mineralwerke errichtet. Durch diese Werke gewinnt die Firma in Niederbayern in der Gemeinde Pfirsching, Bezirksamt Eggenfelden, Erde, welche in der hiesigen Fabrik chemisch verarbeitet wird und zur Reinigung von Ölen und anderen Zwecken dient. Diese Produkte finden hauptsächlich im Ausland großen Absatz. Im Ganzen wird die Firma circa 210 bis 220 Arbeiter pro Jahr beschäftigen.
In gemeinnütziger Weise ist Herr August Wildhagen vielfach hervorgetreten. So stiftete er im vorigen Jahr 5000 Mark für ein hier zu errichtendes Volksbad, weitere 3000 Mark hat derselbe zum Betrieb desselben in Aussicht gestellt und weiter hat derselbe den Vorstand des Magistrats ermächtigt, den in Privatbesitz befindlichen Winterhafen am Main auf seine Kosten für die Stadt anzukaufen, um die Mainschifffahrt an hiesigem Ort wieder zu heben. Als Vorstand des Männervereins des roten Kreuzes entfaltet er eine ersprießliche Tätigkeit für das rote Kreuz, und endlich erwarb er sich ganz besondere Verdienste als Geflügelzüchter und Sachverständiger in Geflügelzuchtangelegenheiten. Im Auftrag des Deutschen Reiches veranstaltete er, wie wir unterrichtet sind, mit großem Erfolg die deutsche Geflügelausstellung in Brüssel auf der Weltausstellung. Erst vor kurzem arbeitete er im Auftrag des deutschen Kolonialamtes ein Gutachten über die Geflügelzucht in den deutschen Kolonien aus, machte schon mehrfach Entwürfe von Geflügelzuchtanstalten größeren Stils, die in der Fachpresse und seitens der staatlichen Behörden oftmals Anerkennung fanden. Er wurde für diese Tätigkeit mit preußischen und ausländischen (russischen, spanischen und belgischen) Orden ausgezeichnet.

Diese weitverzweigte industrielle und gemeinnützige Tätigkeit möchte Herrn August Wildhagen einer allerhöchsten Auszeichnung würdig erscheinen lassen.“

Kommerzienrat August Wildhagen war Vorsitzender der Kitzinger Ortsgruppe des Bayerischen Kanal- und Schifffahrtsvereins, Förderer der Mainkanalisation, des Flugsports, der Geflügelzucht (Wildhagen zählte zu den führenden deutschen Rassegeflügelzüchtern), des Luitpoldbades sowie der Sanitätskolonne und des Roten Kreuzes, für deren Kriegslazarett er eine namhafte Spende von 10.000 Mark geleistet sowie mehrere Krankenwägen geschenkt hat. Seine soziale Kompetenz war sehr hoch und er hatte stets eine offene Hand für die Armen und Benachteiligten, unterstützte nach Kräften verschiedene Wohlfahrtsorganisationen. So spendete er nach Kriegsende 1920 eine beträchtliche Geldsumme für den Bau neuer Wohnungen für Notleidende.

 Familienarchiv Kurt Wildhagen

Auch politisch war August Wildhagen interessiert und engagiert. Als Vertreter einer überparteilichen Vereinigung aller wirtschaftlichen Gruppen Kitzingens, die sich den Namen „Bürgerblock“ gegeben hatte, wurde er am 7. Dezember 1924 in den Stadtrat gewählt, wo er bis zu seinem Tod am 25. Dezember 1932 eine wichtige Rolle spielte. In seinem Nachruf hieß es: „Mit August Wildhagen ging ein echt deutscher Mann von altem Schrot und Korn. Sein Leben war Dienst an seinem Volke – dafür wird ihm der Dank sein, auch über das Grab hinaus.“ Wildhagen fand am alten Friedhof in Kitzingen seine letzte Ruhe. Mit ihm verlor Kitzingen eine seiner markantesten Persönlichkeiten.

Hermann Wildhagen (1885 - 1944)

Der seit dem 1. August 1885 in der Bahnhofstraße 15 wohnende Kaufmann Hermann Wildhagen (geb. 15.7.1855 in Rübeland, Ortschaft der Stadt Oberharz am Brocken im Landkreis Harz, verheiratet mit Elise Kochermann, gest. am 1.11.1944 in Kitzingen) beantragte am 23. Oktober 1890 das Bürgerrecht der Stadt Kitzingen. Da sein Geburtsort im Herzogtum Braunschweig lag, wurde ihm dieses vorbehaltlich der vorherigen Erwerbung der bayerischen Staatsbürgerschaft am 7. November 1890 verliehen.
Wildhagen, Bruder des Bonbonfabrikanten August Wildhagen, war Mitglied der „Liberalen Vereinigung“ und wurde 1908 zum Gemeindebevollmächtigten gewählt, vom 22.12.1914 bis zur nächsten Kommunalwahl am 15. Juni 1919 gehörte er dem Stadtmagistrat Kitzingen an. Er unterstützte finanziell den Wohltätigkeitsverein, setzte sich stark für die Wiederherstellung einer Motorwagen-Verbindung zwischen Kitzingen und Marktbreit sowie für die Gründung einer Volksbibliothek (1905) ein. Als erster Schützenmeister organisierte er die 500-Jahrfeier der Kgl.-Priv. Schützengesellschaft im Jahr 1908.
Zudem war er seit 1903 Vorstandsmitglied der „Vereinigung Deutscher Zuckerwaren- und Schokolade-Fabrikanten e.V.“ und seit 1911 deren 1. Vorsitzender, 1922 wurde er zum Ehrenmitglied ernannt. Wildhagen führte den Verband und seine beiden Betriebe erfolgreich durch zahlreiche Krisenjahre, durch den Weltkrieg, die Zwangswirtschaft und Inflation. In dieser Zeit haben sich seine Führungsstärke und sein Weitblick ganz besonders bewährt.

Wildhagen war zudem Mitbegründer und langjähriger Vorstandsvorsitzender der Einkaufsgenossenschaft für die Süßwaren-Industrie (Egesie), in der sein schon vor dem Krieg praktizierter Gedanke des gemeinsamen Einkaufes auf breiter Basis seine Verwirklichung fand und zu einer für alle gewinnbringenden Einrichtung wurde. Besondere Verdienste hat er sich ferner um die Gründung des Reichsbundes der Deutschen Süßwaren-Industrie, der Dachorganisation des Verbandes deutscher Schokoladen-Fabrikanten und der Vereinigung Deutscher Zuckerwaren- und Schokolade-Fabrikanten in Würzburg erworben.
Ebenso wie seinem jüngeren Bruder August wurde Hermann Wildhagen im Jahr 1912 der Titel Kommerzienrat verliehen.

 Familienarchiv Kurt Wildhagen

Als Begründung schrieb der damalige Bürgermeister Ludwig Graff folgendes:

Herr Hermann Wildhagen betreibt mit seinem Bruder August Wildhagen dahier eine Confisseriewarenfabrik, welche seit Jahren in vollster Blüte steht und für die hiesige Bevölkerung von großem Segen ist. Es werden in dieser Fabrik außer eigentlichen Confisseriewaren auch Mentholpastillen gefertigt. Diese Fabrikation verpflanzten die Inhaber von der Schweiz nach Bayern. Außerdem haben die Inhaber des Geschäfts dahier eine vollständig neue Fabrikation durch die Erbauung der sogenannten Pfirschinger Mineralwerke errichtet. Durch diese Werke gewinnt die Firma in Niederbayern in der Gemeinde Pfirsching, Bezirksamt Eggenfelden, Erde, welche in der hiesigen Fabrik chemisch verarbeitet wird und zur Reinigung von Ölen und anderen Zwecken dient. Diese Produkte finden hauptsächlich im Auslande großen Absatz.
In gemeinnütziger Weise hat Herr Hermann Wildhagen sich gleichfalls schon in hervorragender Weise betätigt. So stiftete er im vergangenen Jahre für ein Volksbad 10.000 Mark, im heurigen Jahre zum gleichen Zweck weitere 5.000 Mark. Mit seinem Bruder zusammen insgesamt die Summe von 27.000 Mark.

Hermann Wildhagen gehört dem hiesigen Gemeindebevollmächtigtenkollegium an und entfaltet als Gemeindebevollmächtigter eine auf das Gemeinwohl stets bedachte Tätigkeit, die sich vor allem durch Weitblick und Objektivität auszeichnet. Herr Hermann Wildhagen ist durch die Unterstützung sonstiger gemeinnütziger Zwecke, so der Volksbücherei, des Verschönerungsvereins und des Pferdeversicherungsvereins, dessen Vorstand er lange Jahre ist, mit der Bevölkerung verwachsen und allgemein beliebt.

Es dürfte somit die Bitte gerechtfertigt erscheinen, an Allerhöchster Stelle Herrn Hermann Wildhagen zur Auszeichnung in Vorschlag zu bringen.

Derselbe hat stets eine loyale Gesinnung an den Tag gelegt und ist königs- und reichstreu.

Im vergangenen Jahr wurde dem Bruder des Hermann Wildhagen gleichfalls die allerhöchste Auszeichnung eines kgl. Kommerzienrates zu Teil. Es wäre nun eine von Seiner Königlichen Hoheit Prinz-Regent-Luitpold sicherlich nicht gewünschte Härte, wenn Hermann Wildhagen, der gleich tüchtig, rechtschaffen und unermüdlich fleißig wie sein Bruder ist nicht derselben Allerhöchsten Auszeichnung teilhaftig würde. Seitens der gesamten hiesigen Bevölkerung würde die angeregte Allerhöchste Auszeichnung dieses beliebten Bürgers mit Freude begrüßt werden.“

Bonbonfabrik A. Wildhagen – Kurzer historischer Abriss

Den Grundstein für das Wohnhaus, die Mühle und das Kesselhaus der späteren Bonbonfabrik Wildhagen in der Glauber- und Kanzler-Stürtzel-Straße legte der Krefelder Seidenfabrikant Heinrich Metzges (1821-1883), der am 16. April 1849 in Kitzingen Maria Emma Sander, ein Spross der bekannten Kitzinger Weinhändlerfamilie Sander, heiratete. Bereits 1853 und 1855 bat er den Stadtmagistrat um Genehmigung zur Errichtung einer Dampfmühle. Da jedoch die städtische Mühle am Main zu diesem Zeitpunkt noch existierte, wurden beide Gesuche abgelehnt. Die alte Mainmühle sollte allerdings wegen Behinderung der Schifffahrt abgerissen werden. Nachdem die Frage der Entschädigung zwischen der Stadt Kitzingen und dem bayerischen Fiskus geklärt war, hatte Metzges mit einem dritten Antrag vom 1. April 1857 auf Erteilung einer persönlichen Konzession schließlich Erfolg. Noch während Stadt und Fiskus prozessierten, fasste Metzges jedoch den Entschluss, seine Dampfmühle in Stadtnähe zu errichten und auf den Erwerb der Mainmühle zu verzichten.

Seine unternehmerischen Visionen gingen jedoch weiter. Noch während des Baus der Dampfmühle gestattete ihm der Kitzinger Magistrat am 22. März 1858 die Errichtung einer Sägemühle bei der Dampfmühle, deren Kessel noch im gleichen Jahr als zweiter in Kitzingen in Betrieb genommen wurde. 1864 errichtete er eine Brotfabrik, 1868 führte er die Gasbeleuchtung in seinen Betrieben ein, 1869 erbaute er sein Wohnhaus mit dem prägnanten, stufenartigem Giebel an der Ecke Glauberstraße/Kanzler-Stürtzel-Straße, 1875 folgte die Aufstellung eines zweiten Dampfkessels und schließlich 1877 die Errichtung einer Zementbrennerei.

 Stadtarchiv Kitzingen

Der ungewöhnlich unternehmungslustige Mann starb am 5. August 1883. Sein Name ist unmittelbar mit dem Beginn der Industrialisierung in Kitzingen verbunden. Nach seinem Tod ging der Betrieb an den Bankier Kommerzienrat Georg Bachmann über, den Schwiegervater von August Wildhagen.

Bachmann gründete zusammen mit August Wildhagen am 25. August 1884 die „Chocoladefabrik Wildhagen A. & Cie.“, die unter der Adresse Bahnhofstraße 848 (seit 1900 Bahnhofstraße 11) zu finden war. Diese Anschrift war identisch mit der des „Bank- und Wechselgeschäfts“ von Bachmann. Wildhagen übernahm zunächst für die Schweizer Bonbonfabrik Jacques Klaus in Locle den Generalvertrieb für Deutschland und Luxemburg und importierte die Schweizer Zuckerwaren aus der Fabrik des damals jungen Stammhauses, was bahnbrechend für die qualitative Verbesserung der deutschen Zuckerwaren war, da die Bonbons damals ohne Fruchtgeschmack oder Fruchtsäure waren.

Nach dem 1886 erfolgten Rückzug von Georg Bachmann aus der Firmenleitung trat Hermann Wildhagen an dessen Stelle, der bereits seit 1. August 1885 Teilhaber war. Die beiden Brüder riefen die „Confiseriewarenfabrik A. Wildhagen & Co.“ in der Dampfmühlstraße 816/818 (seit 1900 Wörthstraße 25, nach dem 1902 begonnenen Ausbau der Kanzler-Stürtzel-Straße: Kanzler-Stürtzel Straße 2/2a) als offene Handelsgesellschaft ins Leben und begannen im Herbst 1887 mit der eigenen Produktion von Bonbons unter den bekannten Rezepturen des Schweizers Jacques Klaus. Dafür errichteten sie in den Nebenräumen der Dampfmühle eine neue Fabrik. Zwei Jahre später übernahmen die Wildhagens auch den Betrieb der Dampfmühle selbst, die jetzt nicht mehr als Getreidemühle betrieben wurde, sondern zum Mahlen von Tonerde für die von ihnen 1905 gegründeten Pfirschinger Mineralwerke Verwendung fand. Das Besondere an der Produktion der Bonbons war damals der Vakuum-Kochbetrieb. Diese Technik erlaubte eine höhere Produktivität und feinere Produkte als die herkömmliche Fabrikation.

 

Harte Schicksalsschläge trafen das Unternehmen in den Kriegs- und Nachkriegsjahren. So wurden die Pfirschinger Mineralwerke beim Bombenangriff auf Kitzingen am 23. Februar 1945 vollständig zerstört. An die 100 Bomben vernichteten die Gebäude und Anlagen der Mineralwerke nördlich der Nürnberger Eisenbahnbrücke, es entstand ein Sachschaden in Höhe von knapp einer Million Mark. Die Bonbonfabrik und das Wohnhaus wurden beim Einzug der Amerikaner besetzt, in dem Verwaltungsgebäude hatte der Kreisresident-Officer seinen Amtssitz, hier urteilte auch das amerikanische Militärgericht, und im größten Fabrikraum war die „Commissary“ für die amerikanische Besatzung untergebracht. Eine Doppeltreppe wurde an der Außenfront am Main errichtet und von früh bis spät in die Nacht wurden hier die Verpflegungsgüter der amerikanischen Armee abgeholt.

Erst nach schwierigen, jahrelangen Verhandlungen gelang es Wildhagen 1949, wesentliche Teile seiner Fabrik wieder frei zu bekommen. Ausschlaggebend war dabei, dass die Firma auf eigene Kosten an der Kanzler-Stürtzel-Straße gegenüber ihrem Fabrikgebäude eine große Baracke zur Entlastung des amerikanischen Warenlagers in der Fabrik errichtete. So konnte die Fabrikation am 1. Juli 1949 in kleinerem Umfang wieder aufgenommen werden.
Ein Teilbetrieb der Pfirschinger Mineralwerke konnte 1950 ebenfalls wieder mit der Produktion beginnen. Zu diesem Zeitpunkt führte Richard Wildhagen, der nach dem Tod seines Onkels und Firmengründers August Wildhagen 1932 als alleiniger Besitzer fungierte, die Amtsgeschäfte als ehrenamtlicher Oberbürgermeister Kitzingens und richtete seine ganze Energie und Leidenschaft auf den Wiederaufbau der kriegszerstörten Stadt. Sicherlich wurde so in den entscheidenden Nachkriegsjahren hinsichtlich des Neubeginns und der Produktionsaufnahme der Bonbonfabrik manches versäumt. Als dann 1953, also nach achtjähriger Beschlagnahme, der Betrieb wieder vollständig aufgenommen und modernisiert wurde, war es eigentlich schon zu spät. Die Firma hatte mittlerweile ihre in- und ausländische Kundschaft sowie ihre Geschäftspartner verloren und bewährte Arbeitskräfte standen auch nicht mehr zur Verfügung. Der Anschluss war endgültig verpasst.
Seit dem Jahr 1960 suchte und fand Wildhagen zwar Auswege, die über verschiedene auswärtige Firmen führten, aber die Lage insgesamt nicht mehr retten konnten. So verkaufte er 1960 das Geschäft an Horst Bentz, den damaligen Eigentümer der Öffnet externen Link in neuem FensterMelitta Unternehmensgruppe, aber bereits drei Jahre später wurde es weiterverkauft an die Öffnet externen Link in neuem FensterAugust Storck KG, bis Ende des Jahres 1969 die Produktion ganz eingestellt werden musste. Richard Wildhagen zog sich als Privatier zurück und sein Sohn Hasso übernahm in Saarbrücken die Stelle eines Direktors einer großen Süßwarenfirma. Die Pfirschinger Mineralwerke stellten 1971 ihren Betrieb ein.

 

Bis zur Geschäftsaufgabe genossen die Bonbons von Wildhagen einen ausgezeichneten Ruf, nicht nur in Europa, sondern auch in Übersee. In den großen Zeiten der Firma Wildhagen wurden die natürlichen Marmeladen für die Füllungen der Wildhagen-Bonbons täglich zentnerweise verarbeitet. Die Herstellungsmenge der Bonbons pro Tag betrug 4.250 Kilo. In originellen und modernen Geschenkpackungen gingen die sorgsam eingewickelten Bonbons, die Rednerpastillen oder die Lingua-Mentholbonbons in alle Welt. Wildhagens Säuerlinge waren in beiden Weltkriegen, vor allem im Zweiten Weltkrieg, als Vitamindrops an allen Fronten bekannt und standen damit auf gleicher Ebene mit den Bärenlebkuchen der Firma Gebr. Schmidt in Mainbernheim und dem Araunerschen Kunsthonig aus Kitzingen.

Die 1914 in der Mühlbergstraße 1 von August Wildhagen im neubarocken Stil erbaute schlossähnliche Villa Wildhagen mit ihrem fast 4.000 Quadratmeter großen Park und einem idyllischen Gartenteich mit Wasserfontäne, die seit den 1930er Jahren an die Stadt Kitzingen verkauft war, sollte 1973 einem Neubau für ein Altenheim mit Altenclub und Tiefgaragen weichen, für den das Evangelische Siedlungswerk verantwortlich zeichnen wollte. Auch der Kitzinger Stadtrat befürwortete diese Maßnahme, lediglich der Kulturkreis der Stadt Kitzingen sprach sich für den Erhalt dieses prächtigen Anwesens aus und forderte die zukünftigen Besitzer auf, das mit Stuckdecken ausgestattete Gebäude in die Gesamtanlage zu integrieren, da sich gerade ältere Menschen in so einem Umfeld wohler fühlen würden als in nüchtern-sachlichen Betonkästen. Zum Glück nahm das Evangelische Siedlungswerk bereits Ende 1973 von seinem Vorhaben Abstand, da es zum einen zu teuer war und zum anderen der Bedarf in Kitzingen an Pflegestellen für ältere Menschen als nicht so hoch angesehen wurde.

 

Die weitere Planung seitens der Stadt sah nunmehr den Ausbau der Villa vor, in dem Personalwohnungen und Pflegeeinrichtungen sowie ein Altenzentrum untergebracht werden sollten. Lediglich für die älteren Bewohner waren neue Anbauten vorgesehen. Am 11. November 1976 verkaufte die Stadt Kitzingen schließlich das gesamte Anwesen Mühlbergstraße 1 mit Park und Nebenanlagen an das Diakonische Werk Kitzingen e.V. zur Errichtung von Altenwohnungen für 800.000 DM. 1986 wurde das Alten- und Pflegeheim gründlich saniert und erhielt einen modernen Erweiterungsbau. Heute befindet sich in der schönen herrschaftlichen Villa und ihrem Anbau das Altenpflegeheim „Haus Mainblick“ der Diakonie.

Die übrigen Liegenschaften der ehemaligen Bonbonfabrik in der Glauberstraße gingen im April des Jahres 1973 an das Modehaus „Jakob Heyer“ über. Heyer betrieb in Dettelbach ein kaufhausähnliches Unternehmen mit dem Schwerpunkt auf dem Textilmarkt, in dem er günstige Textilien und Sonderposten zu Schnäppchenpreisen verkaufte. Bis Weihnachten 1973 sollten eigentlich die Umbauarbeiten beendet und das Geschäft eröffnet sein, jedoch konnte Heyer seine Pläne in Kitzingen nicht verwirklichen. Der 34 Meter hohe Kamin der Fabrik wird dennoch am 10. April 1974 gesprengt. In den folgenden Jahren betrieb die Schilder- und Stempelfabrik „Astorga Fritz Lange GmbH“ hier ihr Geschäft, bis sowohl das Wohnhaus als auch Teile des ehemaligen Fabrikationsgebäudes der Firma Wildhagen (rund 1000 Quadratmeter) im Sommer 1984 vom damaligen Eigentümer Kurt Stellwag aus Würzburg der Stadt Kitzingen zum Kauf angeboten werden. Im Interesse einer Verbesserung der Verkehrsverhältnisse an der Einmündung Kanzler-Stürtzel-Straße/Glauberstraße nahm die Stadt Verkaufsverhandlungen auf, um den angebotenen Grundstückskomplex zum Abbruch käuflich zu erwerben. Am 30. Oktober 1984 fiel der Beschluss für den Kauf des ganzen Komplexes. Uneinigkeit herrschte jedoch noch bezüglich des Abrisses und der Notwenigkeit einer Begradigung der Glauberstraße an dieser Kreuzungsstelle.

 

Schließlich entschied sich der Kitzinger Stadtrat in seiner Sitzung vom 23. November 1989, das der Stadt gehörende Wohnhaus in der Kanzler-Stürtzel-Straße 2 zu sanieren und darin sechs Wohnungen einzurichten.

Auch in dem an das Wohnhaus angrenzenden Mühlengebäude sollten neue Wohnungen entstehen. Darüber hinaus beabsichtigte der Bauträger „Wohnbau Schenkel“ des ehemaligen Firmengeländes an der Glauberstraße, die Gebäude der alten Bonbonfabrik abzureißen und hier neue Wohnhäuser zu erbauen. In Jahren 1991/1992 entstand an dieser Stelle die Wohnanlage „Mainaue“.

Quellen:

  • Akt des Stadtmagistrats Kitzingen: I/A/8/02: Ordensdekorationen und Ehrenzeichen, 1871 – 1904.
  • Akt des Stadtmagistrats Kitzingen: I/A/8/22: Auszeichnungen, 1905 – 1914.
  • Bürgerrechtsakten: Nr. 210: Wildhagen, Hermann Julius, 1893. Nr. 227: Wildhagen, August, Fabrikant, 1900. Nr. 308: Wildhagen, Richard, Kaufmann, 1914.
  • Ratsprotokolle seit 1945
  • Falkenstein, Stephanie: Die Wildhagenvilla.

Ein Beitrag zur Wohn- und Lebenskultur der Gründerzeit in Kitzingen.

Schriftenreihe des Städtischen Museums Kitzingen Band 11, Kitzingen 2016.

 

 

Doris Badel